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Ikaria - die Insel der verlorenen Zeit

Sonnenuntergang Ikaria, idyllisch

Urlaub auf der Insel suggeriert oft Erholung, Freiheit, Sorglosigkeit - alles Paradiesisch!

Icarus ist, so lautet der griechische Mythos, von der Insel Kreta geflohen, weit ist er nicht gekommen. Er wollte zu hoch hinaus, die mit Wachs befestigten Federn schmolzen und Ikarus platschte ins Meer. Heute ist die Insel neben der Absturzstelle nach ihm benannt- Ikaria

Flucht per Fähre, fliegen ist uns wegen Icarus halsbrecherischer Erfahrung zu riskant. Somit geht es vom Hafen bei Athen auf die Insel, um die sich mehr als nur ein Mythos ragt.

 

Fähre

Hier hocken einige Touristen und viele Insulaner auf dem Deck und genießen die salzige Briese.

 

Ein Klischee wird gleich auf der Fähre bedient. Ein alter Seebär, mit Zigarette im Mundwinkel packt seine Bouzouki (das für mich das musikalische Pendant zu Tzaziki darstellt und aussieht wie eine Balalaika) und zupft drauf los. Alle lauschen den griechischen Lauten und den ägäischen Wellen. Mehr Inselstimmung auf einer überfüllten Fähre kann man sich nicht wünschen.

Mann auf der Fähre, Seebär, Insel Lifestyle, Griechenland

Hallo Insel! Wir genießen die Fahrt auf der Fähre.

Den Mythen auf der Spur

Ikaria ist blaue und rote Zone zugleich, ab auf die Lila Insel

„Bluezone“, Orte an dem die Jungbrunnen der Erde versteckt sein müssen. Ikaria ist einer davon. Icarioten erleben noch die Hochzeit ihrer Urenkelkinder, anscheinend ist das der fischreichen Ernährung, dem gemächlichen Tagesablauf und der Abgeschiedenheit zuzuschreiben. Auch das blaue Gewässer, in das Ikarus einmal gestürzt sein soll, könnte der entscheidende Faktor der nahezu Unsterblichkeit sein.

Kinder planschen am Strand, neben Omis in Zartbitterschokoladenfarbe. Viele Männer gehobenen Alters starten täglich die Motoren an ihren Kuttern um auf See zu sein. Ein paar Fische ins Netz zu bekommen oder um Lebensmittel, Eis oder Zigaretten in abgelegene Dörfer der Insel zu tuckern.

 

Auf der felsigen Insel flammt immer noch das kommunistische Herz. Deshalb ist sie auch als rote Insel bekannt.

Der Zusammenhalt der Inselbewohner ist deutlich zu spüren und zu sehen, Fisch wird gegen Honig getauscht und gesammelte Kräuter kurzerhand an Nachbarn verteilt. Unser mobiles Zuhause parken wir nach der Ankunft so abgelegen, dass wir außer mit den Ziegen die gegenüber grasen mit niemandem rechnen. Es klopft trotzdem. Ich bekomme zwei Sträuße überreicht. Ich hasse Schnittblumen und verlange sonst immer Blümchen im Topf, die mal mehr mal weniger lange überleben. Diesmal sage ich einfach „Efaristo“ und freue mich, über den langlebigsten Blumenstrauß und dass wir als neue Nachbarn auf Zeit akzeptiert werden. Besseren Salbei und Oregano hab ich noch nie gerochen. Solche Geschenke vergisst man einfach ewig nicht, die letzten Salbeiblätter duften immer noch.

 

Was die nationalistische Regierung nach dem Bürgerkrieg als Exil für kommunistische Falschdenker auserwählte, entwickelte sich zu einer eingeschworenen Gemeinschaft aus überzeugten Kommunisten. Aus Exilierten wurden Icarioten, aus Insulanern Kommunisten. Und das ist vielleicht auch ein Geheimnis des langen Lebens.

Boote in Griechenland, Ikaria, Nightshoot

Ewiges Boot in Ikaria

Spätaufstehen, Siesta halten und im Süßwasser die Hitze ertragen

Dass es hier angeblich keine Uhren gibt, stimmt, außer bei den Fähren die hier an und ablegen, aber die werden sicher nicht von der Insel aus koordiniert.

Der Souvenirshop öffnet um halb elf, schließt um halb eins und verkauft von vier bis zehn, ungefähr. Selbstgemachter Künstlerkram. Wir passen uns intuitiv an, schlafen aus frühstücken in Zeitlupe, besichtigen bis zur Mittagshitze orthodoxe Kirchen und beobachten das Ziegenhirten Dasein. Vor der brutalen Hitze genießen wir noch ein Ziegeneis und ab in den Schatten zur Siesta. Dann wirds erträglich, wir schwimmen in einem kleinen erstaunlich tiefen Süßwassersee. Ob unser Schweiß das Ikaria-Trinkwasser verseucht fragen wir uns erst Stunden später.

Auf der wohl engsten Schotterstraße der Insel haben wir als zusätzliche Ladung Freunde im Gepäck. Es rüttelt vorne und ich fühle mich wie in einem Vortexmischer, alle Lösungen in meinem Körper werden gründlich durchmischt. Meine Gehirnflüssigkeit schwappt fast über, wodurch ich uns ständig den Abgrund herunter stürzen sehe. Adrenalin macht’s möglich, dass ich mir den Freizeitpark sparen kann. Danach sind meine Beine so wolkig wie nach der Achterbahn im Europapark und so glücklich über einen Parkplatz war ich nicht mal bei der Führerscheinprüfung.

Vorne ausgestiegen stürzen wir uns  auf den Maulbeerbaum, der Standhaftigkeit und Leckerei zugleich verspricht und entlassen unseren Passagier aus dem hinteren Teil. Im Gegensatz zu manch anderem Zeug blieb er unversehrt und wirkt weniger durchgerüttelt als ich. Statt sich über die schrecklichste aller Fahrten zu beklagen, begrüßt er die Einheimischen nebenan und bekommt vielleicht aus Mitleid, weil er hinten ausstieg „homemade Wine with Drugs“. Ob die Englischkenntnisse dem Wein den Zusatztitel „with Drugs“ verliehen, oder der Heimwinzer experimentierfreudig ist, uns egal! Jedenfalls sind wir verdammt schnell total betrunken. 

Am türkisfarbenen Wasser breiten wir Decken aus, essen im goldenen Sand, trinken dazu Griechischen Wein mit Drogen und schwimmen immer wieder bis zu einem Fels, auf dem man wie der Seeelefant bei Urmel, liegen und melancholisch singen kann.

Ein Lagerfeuer am Strand und viele Geschichten später, wachen wir mit der Erkenntnis auf: Ikaria ist nicht Zeitlos, man muss sich einfach Zeit nehmen, um dieses Lebensgefühl zu lieben. Aber vielleicht sind das auch nur die Nachwirkungen von dem mysteriösen Wein.

Mit Sonnenschutz durch dürres Land, einfach mal verloren Sein

Einfach mal verloren Sein, mit Sonnenschutz durch dürres Land

Gesundes Essen gesundes Tanzen

Jetzt wird uns bewusst, dass wir am Ende sind, der Weg der mehr als nur -off the beaten- Track ist, wird nur selten befahren, beliefert werden die paar Häuschen und die Taverne per Boot. Und kurz hinter unserem Parkplatz wird das Schottersträßchen noch schmaler.

Fisch und Kartoffeln in der urigen Taverne sind das Mittel gegen Kopfschmerz, heißt es hier. Wir erfahren von wilden Kreistänzen, bis zum Morgengrauen, bei denen man angeblich durchdreht. Den vielen Menschen die Arm in Arm zu traditionellen Rhythmen tanzen wird nie schwindelig, was bei dem Weinkonsum vor, während und nach dieser ständigen Rotation, einfach unglaublich ist. Aber uns überrascht hier nichts mehr, vieles ist einfach unglaublich.

Alle ins Fahrerhäuschen quetschen und gemeinsam schwitzen. Wir müssen auf die Uhr schauen, unsere Fähre legt heute ab.

Verlassenes Haus auf Ikaria, Griechenland

Einfach Ikaria, altes Haus für die Exil Kommunisten

Aus Zeitverlust wird Kontrollverlust

Vorbei an den steilen Felsen, die die Insel so kantig macht wie das Gemüt ihrer Bewohner, vorbei an kleinen Dörfern in denen es die wohl besten Honigwaben der Welt gibt und der Süßwasseroase zwischen kargen stacheligen Zweigen. Durchgerüttelt und verschwitzt erreichen wir Teer.

Wir erreichen aber auch die Ohnmacht der Kupplung, sie wehrt sich gegen das ständige mit Füßen Getreten werden, will endlich raus aus der Opferrolle.

Ein Mechaniker aus dem Dorf pumpt ein paar Minuten auf der Kupplung, was ihr augenscheinlich schmeichelt und und wir haben wieder eine Chance die Fähre zu erwischen.

Nach tausendundeinmal pumpen sind wir endlich am Hafen die Kupplung hat es ausgehalten!

30 Minuten vor dem Ablegen. Von der Fähre keine Spur und wir fragen im allwissenden Hafenbüro nach und erfahren dort, dass wir schon zu Insulanern wurden.

Heute fahren hier nur Kutter und kleine Bötchen.Auf der anderen Inselseite dagegen da wird die große Fähre gerade in den letzten Zügen beladen, dann läuft sie aus nach Athen. 

Wir stornieren, buchen neu, genießen die Zeit!

Zwei Tage mehr, in denen wir gar nicht erst versuchen die Kontrolle über Zeit und Ort zu erhaschen, stattdessen halten wir Siesta im Cafe mit griechischem Joghurt und Kaffee und Angeln.

Der Hafen

Wir waren übermütig wie Ikarus, in dem wir uns der Zeitlosigkeit hingaben und stundenlang über Schotter fuhren. Den Spaß den wir hatten, hatte der junge Antiheld vielleicht auch, nur kann er es nicht erzählen, ganz im Gegensatz zu den Inselbewohnern hatte der nämlich kein langes Leben.

Wenn die Bewohner Ikarias selbst nicht wissen wieso sie solange leben, dann liegt das vielleicht am zu dollen Kreistanz, dem starken Wein oder einfach daran, das es sie nicht schert, dass Forscher ihren Tagesrythmus und ihre Nahrung untersuchen wollen. Sie geben 'n' Scheiß drauf was die Anderen denken, so wie Ikarus damals auch.

Mathilda und Waldemar grinsen wie die Affen

Was geht eigentlich in Athen? Wenn dir dieser Artikel gefallen hast, solltest du hier weiterlesen.

Heydar Aliyev Center in Baku

Ein liebevoller Zuschnitt von bewegten Bildern auf der inspirierenden lila Insel.

Verfasst von Annalena,

eigentlich schon am 12. Dezember 2018

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