Heute ist Zeugnisvergabe

Als ich Schulkind war, wollte ich Tierärztin werden, bin in die Schule gegangen weil alle gingen. Am ersten Schultag bekam ich einen Arschtritt von zwei älteren Schülern und meine Pokemonkarten abgenommen. Ich konnte anfangs nur meinen Namen schreiben und lesen lernen fand ich doof, wollte lieber vorgelesen bekommen. Ich hieß Annalena mit den Hasenzöhnen für manche und fing an sie zu zwicken wenn sie das zu mir sagten, kurz darauf hieß ich Annazwick.

Oft guckte ich nach dem Mittagessen „Malcolme mittendrin“,  und hab den Titelsong mitgesungen. „Life is unfair“ ist Teil des Liedtextes. Den Sinn hab ich nicht gecheckt geschweige denn irgendwas englisches gesungen, Englisch konnte ich nämlich nicht und wollte ich nicht können. Erlebnisgeschichten schreiben machte mir Spaß aber dass wir alle Blockflöte spielen mussten, fand ich damals doof und verstehe ich bis heute nicht.

Anna als Schulkind mit Pippi- Schultüte
Anna als Schulkind mit Pippi- Schultüte

Der Song meiner Schulzeit


Später wurde mir gesagt ich sei nicht gemacht für diese Schule und würde es zu nichts bringen und soll doch lieber woanders hin. Hauptsache ich bin nicht mehr ihr Problem.

Wer will auch schon jemanden zum Unterricht zwingen, der nur mit „Keine Ahnung“ antwortet oder gar nicht, oder die Tafel zuschlägt, wenn er vorne die Aufgabe lösen soll. 

Ich wär auch nicht gern mein*e Lehrer*in gewesen, denn ich war irgendwann nur noch selten da und wie soll man da zensieren? Außerdem ist frech keine Mündliche Note und auch viel anstrengender als still oder nicht anwesend.

Denn ich war eben nur in der Schule, weil alle anderen da waren.

Es gab für mich dort keinen Platz. Es gab nicht „Ey, ja man, stimmt deine Eins in Deutsch und die zwei in Geschichte, das ist klasse“ oder ein 

„Ach scheiss doch auf Mathe und Physik und in französisch schaffst du bestimmt die 3“. 

Nein es gab nur „wie kann das denn sein, dass man so wenig mit Zahlen anfangen kann, die beißen dich schon nicht.“ oder „wie oft haben wir uns jetzt schon Samstags gesehen und du hast noch nicht kapiert, dass du einfach hinsetzen musst und lernen, statt uns Vorwürfe zu machen oder dem Unterricht fern zu bleiben“ 

Die anderen braven Schüler wurden trotz ihres nervigen schnipsend bei Wortmeldungen überproportional oft dran genommen. Ich, die unberechenbare Variable wurde übersehen, damit Lehrer*in nicht Gefahr läuft, sich hinterfragen zu lassen oder einfach weil er oder sie sehen wollten, wie lange ich meinen Arm oben halten wollte oder konnte. Irgendwann gab ich auf. Dann meldete ich mich nicht mehr und  ab und nur ganz selten sagte ich einfach laut was ich dachte und musste danach meistens die restliche Stunde im Gang neben den stinkenden Klos verbringen.


„Jeder ist ein Genie! behauptet Einstein.

Aber wenn Du einen Fisch danach beurteilst,

ob er auf einen Baum klettern kann,

wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.


Und jetzt wo ich Englisch kann, verstehe ich auch wieso der Song bei Malcolme mittendrin der Song zu meiner Schulzeit ist.

Anna, 15, Schulschwänzerin
Anna, 15, Schulschwänzerin

Du bist anders als ich, Thilda


Du gehst in die Schule, weil du weißt wie Freilernen ist, du Themen selbst ausgesucht hast und deine Interessen zwei Jahre ausgekundschaftet hast.

Deine unstillbare Neugier hat dir geflüstert, du sollst auch mal Schule ausprobieren. Du hast das selbst gewählt. Kamst in die Schule und konntest schon die Sachen die du dir vorher angeeignet hast, viel mehr Dinge als ich in den ersten Klassen gelernt habe. Du liest jeden Tag, mit dem Ziel endlich dein Lieblingsbuch selber lesen zu können. Du willst immer gemeinsam lernen statt alleine, auch deshalb gefällt dir dieses Konzept der Schule besser als das ständige Freilernen. Du willst Biochemikerin werden und bist ein Fan von Juri Gagarin. Und an dieser Stelle frag ich mich wieviele Kinder in deiner Schule diesen Typ überhaupt kennen? 

Am ersten Schultag wolltest du keine neue Schultüte sondern meine Alte und auch kein neues Kleid, sondern die Schuluniform aus Russland. 

Du bist seltsam für mich und das find ich perfekt, denn ich mag die komischsten Sachen am liebsten.

Ich bin verliebt in  deine verrückten Ideen und ich mag deine Sicht auf die Welt. Ich bewundere wie du dich einsetzt für die Außenseiter und dass du sie nie niemals so nennen würdest, weil für dich alle gleich sind.


Ich war ein anderes Kind als du und später ein Schwieriges. Egal wie du mal sein wirst, eins ist klar ich mag nicht deine Noten ich mag dich. 


Die Erwachsenen, mit denen du täglich mehr Zeit verbringst als mit mir, setzen auf individuelle Förderung, sehen euch mit all eueren kleinen Besonderheiten und finden für die meisten von euch passende Angebote.

Keiner muss den Wochenplan schaffen oder muss ein Instrument lernen oder eine Sportart machen. 

Mathilda, erster Schultag mit Pippi-Schultüte und Schuluniform
Mathilda, erster Schultag mit Pippi-Schultüte und Schuluniform

Hey Schule, 


wir beide  hatten schwierige Zeiten. ich hab dich 2 mal verlassen um zurückzukommen und es dir zu zeigen und mein Abi hinzuklatschen, einfach um zu gewinnen und dir dann nie mehr zu begegnen. Du warst mein erklärter Feind und ich wusste ich kann dich locker ersetzen, war überzeugt, dass keiner dich braucht, denn du bist veraltet und unnütz.

Vieles hab ich verloren in der Zeit in der ich mal mehr mal weniger bei dir war. Gewonnen hab ich an Selbstbestimmung aber auch an Hass  auf dich.  



Zeugnisbericht


Es geht auch anders, du bist nämlich gar nicht so unabdingbar wie es scheint. Ohne ein Gebäude, einen Sitzplatz, Tafeldienst und Lehrplan geht es nämlich auch. Lernen hat nämlich gar nix mit dir zu tun.


Dennoch habe ich gemerkt hier und heute bist du nicht die Schule die ich kenne. Es gibt Lehrer*innen und Pädagog*innen die geben sich Mühe innerhalb deines Korsett-Systems Freiräume zu schaufeln, damit es später nicht so viele gibt wie mich. Denn es gibt nicht die eine böse Schule, die alle Kinder hassen. Meine Freunde sind ja auch mit dir klargekommen, damals. 

Dass ich dir noch eine Chance gebe, hätte ich vor zwei Jahren nicht geglaubt. Zu verdanken hast du das den vielen Kindern, die ich traf und die sich nichts sehnlicher wünschen als zur Schule zu gehen. Vor allem aber Mathilda, die mich ständig nach dir fragte und wissen wollte wie du so bist und was denn alle pmKinder bei dir sollen. Also erzählte ich von allem  was ich mit dir durchgemacht hab, von Schullandheimen und Kläranlagenbesuchen, Besuchen beim Rektor und von Gewalt und Ignoranz, von Verständnis und Vorurteilen. Schulhofgeschichten und Klausuren, AGs und Strafarbeiten, ich ließ kaum was außen vor. Mir wurde klar, dass mein Kind dich selber kennenlernen will und ihr die Storys aus der Pause nicht reichen. Sie will selber Schulgeschichten erleben, statt sich in meine reinzufühlen. Also gab ich meinen Widerstand auf, stattdessen gab ich dir noch eine Chance.

Ein halbes Schuljahr nur und ich mag dich schon fast ein klitzekleines bisschen. Das heißt nicht, dass du so bleiben kannst, nur weil ich mich wieder mit dir befasse. Aber es heißt, nicht alle fühlen so wie ich, wenn’s um dich geht.

Ich hab dich zensiert, damals bekamst du eine glatte 6, nach dem Abi eine 4 und ich war mir sicher aus dir wird nie was. Heute will ich dich nicht mehr benoten, will lieber Verbesserungsvorschläge an dich rantragen und dir deine Stärken zeigen und an den Schwächen arbeiten.

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Kommentare: 1
  • #1

    Tine (Montag, 10 Februar 2020 10:00)

    Wow - toll, dass Du darüber schreibst.