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Tiflis für 4 GEL oder Wie man richtig schwäbisch die Stadt erkundet

Georgien - das Land

Eines der ältesten Länder der Welt, mit einer Gesamteinwohnerzahl, die jener von Paris gleicht, auch die Jugendstilbauten in Tiflis erinnern an die Französische Hauptstadt.

Ständig war das Land besetzt, Araber, Türken, Mongolen, Perser und von den Russen. Sie kamen sicher nicht wegen der übermenschlichen Gastfreundschaft, blieben deshalb vielleicht länger. Die Einflüsse der Kulturen und dazugehörender Bauwiesen, wie auch der vielfältigen Küche ist bis heute im Land zu spüren.

Fast 60 Jahre lang war Georgien sozusagen das Italien der Sowjetunion, Urlaub am Meer, wahlweise im Kaukasus, aber immer mit georgischem Wein.

1991 war nicht nur das Ende des Sozialismus, auch das Ende des Tourismus. Ständige Konflikte mit den beiden Regionen Abchasien und Südossetien dämmten die Hoffnung ein. 

Die beiden abtrünngen Gebiete haben sie zwar verloren, an Touristen jedoch gewonnen. 

 

Fotografie Klassik: Magische Altstadt Tiflis

Tiflis - Zwischen Armut und Reichtum

Manch eine Kirche trotzt in der Hauptstadt schon über tausend Jahren den Veränderungen, wird Nachbar von Schwefelbädern mit türkisen persischer Fließen oder der wellenförmigen Friedensbrücke die über dem Mtkvari Fluss die Blicke auf sich zieht.

So Vielfältig wie diese Umgebung sind auch die Tifliser Bewohner und ihr Einkommen. Viele leben in unsanierten Altbauten oder Platten mit bröckelnder Fassaden manche in modernisierten Bestandsgebäuden, wenige im Luxus, meistens sind sie direkte Nachbarn. 

Die Mischung ist interessant und hat uns Anreiz gegeben zu einem Experiment.

Das Experiment: Tiflis für 4 GEL

Museumseintritt, Eiskaffee, Mittagssnack, Taxifahrt für jeweils 4 GEL für 2 Erwachsene und ein 6 Jähriges. Das heißt umgerechnet nicht mehr als 1,42€ pro Erlebnis.

Ein Durchschnitts Georgier verdient im Monat knapp 208 €, wie könnte er in Tiflis Urlaub genießen trotz der teils hohen Preise für Touristenattraktionen?

 

Das haben wir einen Tag lang getestet.

Tbilisi für 4 GEL

 Ab zum Bäcker, fünfzig Schritte bis zu Georgi, der die Teigfladen an die Innenseite seines Steinofens klatscht. Ein paar Minuten später halte ich das Lawaschi in den Händen, damit ich mir an den Fingern keine Brandwunden zuziehe, ist das Brot zur Hälfte in einen Zettel, der wie eine alte Steuererklärung wirkt, gelegt. Zurück bei der Familie rechne ich hoch, 0,6 GEL für georgisches Steinofenbrot, zusammen mit gekochten Eiern, Käse, etwas Butter, Marmelade,Wurst und der restlichen Wassermelone: 4 GEL

 

Die Seidenstraße tuckern wir schon seit ein paar Wochen entlang, durch die Türkei bis Georgien. Zu Fuss wie die Kameltreiber gehts für uns vorbei am innerstädtischen Blechkarawanenstau, in Tiflis Richtung Seidenmuseum. Ein historistisches Gebäude versteckt sich zwischen alten Bäumen hinter dem Dynamo-Stadion, unter dem sich auch das Bassiani - das angeblich georgische Berghain versteckt. Während ich unweigerlich an Dresden denken muss, werden uns zwei Studententickets in einem Räumchen, das mit Persischen Ornamenten und uraltem Tresor und Empfangstisch den Stillstand der Zeit repräsentiert, abgerissen.

Angeneh kühlenZeitreise ins 19. Jahrhundert: 4 GEL

 

Danach zurück ins Jetzt. Lauter Straßenlärm, quietschende Fahrgeschäfte im Park neben an und die Sonne knallt auf unsere Köpfe. 

Das Riesenrad im Schatten der Bäume ist baugleich mit dem in der Ukraine, dort war es in Winterstarre verfallen. Sieben Monate später dreht der sozialistische Bruder hier seine beschaulichen Runden. 

Damit noch weitere Generationen von Kindern lachen und Omas Geschichten von ihrer ersten Riesenradfahrt, auf genau diesem Stahlkoloss langweilig finden können, beschließen wir die nächsten 4 GEL zu investieren. In den Erhalt sozusagen. Zu langsam sei das Riesenrad, meint Thilda. Also eine Boxautofahrt. 

Zwei Autos, fünf Minuten und viel Spaß: 4 GEL

 

„Ja chatschu chalodni koffe“, ich will kalten Kaffe, sagen die Russen, wir würden es Eiskaffee nennen. Coffeesta, das georgische Starbucks hat beides, auf beiden Sprachen im Angebot, aber nicht für 4 GEL, schon gar nicht für uns beide. 

Die Kioskdame macht große Augen, als wir zwei von drei Eis am Stiel kopfüber in den Instantkaffe stecken, den sie gerade mit heißem Wasser begossen hat. Sie grinst und rührt das eine Eis fleißig mit dem Eisstiel im Kaffee, solange ich Mathilda das übrige Eis aufreiße. Wir wissen zwar nicht woher die Schaumkrone kommt, aber sie schmeckt himmlisch.

Zwei Puddingtaschen und eine neue Erfindung: 4 GEL

 

4,0 - 4,2 GEL zeigt Taxify an, vom Park bis in die Altstadt, wir buchen und Georgi - verdammt viele Männer heißen Georgi in Georgien, bringt uns verhältnismäßig zum Verkehrsaufkommen in der Mini-Metropole, schnell in die Rustavelistraße. Fast vier Kilometer und eine kleine Stadtrundfahrt mit dem Fahrer, der viel weiß über Land und Leute und auch was besser sein könnte, Autofahrer die weniger Hupen und ein Toyota Prius- Lieblingstaxi der Tifliser-der dank Hybrid nur 3 Liter verbraucht. 

Taxifahrt quer durch die Stadt: 4 GEL

 

Die engen Gassen abseits der Restaurantmeile neben dem Uhrturm beim Marionettentheater, bestehen aus Flusssteinen und haben sich schon etliche Jahrzehnte bewährt. Schon manch ein Betrunkener ist hier nachts gestolpert, war aber bei Regen ganz froh über die nicht ganz arschglatte Straße, die oft steil bergauf führt. Vorbei an morschen Türen und Ruinen von Moscheen, entdecken wir Streetart und schicke Hipsterhostels mit Dachterassen. Wir quälen uns die Treppen hoch zur Mutter Georgiens, deren Ausmaße ihrer Oberweite sind nicht zu vergleichen mit der von Imperia, die sich im Konstanzer Bodensee um ihre eigene Achse dreht. Von weitem  repräsentiert sie starke Weiblichkeit und Kraft. Von hier oben wirkt es, als ob sie von den ganzen Menschen die zu ihren Füßen posieren und zu ihren Vorzügen hinaufblicken, verhöhnt wird.

Die Narikala Festung bietet Ausblick auf die ganze Stadt, für Lau. Die heterogene Stadt und ihre Bauten wollen wir danach noch mit der Seilbahn überqueren. Zwei GEL für die Plastikkarte die auch als Metrokarte verwendbar ist plus ein GEL pro Person für die Flussüberquerung des Mtkvari. 

Über der Stadt schweben und super Aussicht: 4 GEL. 

 

Von unserem Spartag in Tiflis berichten wir ganz unzeitgemäß per Postkarte unseren lieben Daheimgebliebenen.

Die Grüße nach Deutschland zusammen mit der Briefmarke aus dem nächsten Souvenirladen: 4 GEL

 

Avlabari, das Armenische Viertel mit inoffizieller Amtssprache Russisch, offenbart uns wieder einmal die Jahrtausendelange Multikulti Gesellschaft der Hauptstadt. In jeder Straße gibt es Wasserspender, an denen Männer Frauen und Kinder ihren Durst löschen und ihre verschiedenen Gesichter mit Wasser benetzen um die Hitze besser zu ertragen. Wir füllen nochmal unsere Flaschen auf und grüßen, ins Schachspiel vertiefte Opis. 

Wir wissen, dass wir hier nahe der Dreifaltigkeitskirche etwas zu Futtern finden. Bei vielen Bäckern gibt es kleine Chatschapuris, Brot mit geschmolzenem Käse. Zusätzlich nehmen wir ein warmes Pizzastück, mit so ziemlich allen Gemüsesorten drauf und drei Würstchen im Schlafrock.

Drei volle Mägen und eine nette Unterhaltung mit der Bäckerin: 4 GEL

 

Zusammenfassung:

  • Georgisches Frühstück: 4 GEL
  • Eintrittskarte in die Vergangenheit: 4 GEL
  • Vergnügungsfahrt im Freizeitpark: 4 GEL
  • Eiskaffe und Dessert aus dem Kiosk: 4 GEL
  • Kleine, private Stadtrundfahrt: 4 GEL
  • Über der Stadt schweben mit super Aussicht: 4 GEL
  • Grüße nach Deutschland inklusive Briefmarke: 4 GEL
  • Drei volle Mägen und eine nette Unterhaltung mit der Bäckerin: 4 GEL

 

 

Es gibt noch viel mehr für 4 GEL, oder was meinst du?

Verfasst von Annalena,

18.August 2018

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Kommentare: 3
  • #1

    Zviad - aus Georgien (Dienstag, 04 September 2018 15:10)

    Liebe Annalena
    Danke für gute und gelungene Darstellung von Tbilisser Alltag.

    Aber, 2 Sachen kann ich nicht ohne Komentar lassen.

    1. "Die beiden abtrünngen Gebiete haben sie zwar verloren, an Touristen jedoch gewonnen" - kein Georgier denkt dass es hoffnungslos verloren ist, und Völkerrechtlich ist immer noch Georgien. Kein grund dafür als schon verloren zu deklarieren.

    2. "Avlabari, das Armenische Viertel mit inoffizieller Amtssprache Russisch" - Armenische viertel nennen es selber da wohnende Armenier - und wenn da innofiziell andere Amtssprache geben sollte, ist auch Armenisch und nicht Russisch.
    Obwohl da meiste auch Russisch sprechen können, untereinander sprechen die Armenisch.

    Grüsse Euch aus Konstanz
    Zviad
    www.aus-georgien.de

  • #2

    Zviad - aus Georgien (Dienstag, 04 September 2018 15:14)

    Über schwäbische Siedlungen haben Sie auch nichts gesagt.
    Wussten Sie nichts über 200 Jährige Geschichte von Schwäbische Siedlungen in Tbilisi und Ost-Georgien?

  • #3

    Annalena (Freitag, 07 September 2018 05:33)

    Danke für deine Ergänzung, Zviad.
    Wir sind gerade in Bolnisi/ Katharinenfeld und werden bald darüber berichten.

    Danke auch für deine Anmerkungen.
    Das armenische Viertel, lädt durch die dörfliche Struktur nicht nur uns dazu ein, sich dort wohl zu fühlen. Viele verschiedene Nationalitäten leben heutzutage Tür an Tür in verwinkelten Gassen. Zwischen Gästehäusern, die eine Alternative zur hochpreisigen Altstadt bieten, ist auch der noch günstigen Mieten und zentralen Lage wegen, hier die Vielfalt an Kulturen immens. Menschen aus der ganzen Kaukasusregion, auch Flüchtlinge aus Abchasien haben hier ein Zuhause.

    Lieber Gruß Annalena