· 

Athen geht unter die Haut

Waldemar in Athen auf dem Lofos Strefi

 

In drei Monaten gewährte die Hauptstadt Griechenlands uns tiefe Einblicke in den Alltag. 

Wir arbeiteten als Künstler gegenüber der Akropolis und als Volunteer in einer Flüchtlingsorganisation, hingen mit Kulturinteressierten, Kiffern und Kindern an den unterschiedlichsten Orten rum und tranken Frappé zu Souvlaki an unseren Lieblingsplätzen.

Im Zentrum des antiken Zentrums

Acropoli, sagt die Computerstimme in der Metro, in der sich jetzt die Sitzplatzchancen um 80 % erhöhen. Die schwitzenden Körper schlendern in, mal mehr mal weniger großen Gruppen und mit Kameras bewaffnet an Künstlern vorbei, denen erst nach dem 20€-Erlebnis Acropolis, Aufmerksamkeit geschenkt wird. Am rentabelsten sind China-Drucke, unter die der Verkäufer sein Kürzel kritzelt und alle anderen Künstler im Preis unterbietet. Profitorientierte kaufen die Replikate am Hafen zu Kilopreisen. Wir werden gewarnt, von Waldemars Standnachbarn Bobdan, der mit Feder und Tusche schon seit 20 Jahren hier seine kleinen und großen Werke an Touristen verkauft. Unverschämt niedrige Angebote für seine Handarbeit weist er dreist ab, die landen meist bei den Fälschern nebenan. Unverschämter Interessent landet dann bei frechem Verkäufer.

Magnetisierend ist dieses antike Bauwerk wohl schon immer, für Kunst, Kultur und Architekturinteressierte, Mythologiefans und Götter.

Zwischen 11 und 14 Uhr sind auf dieser Anhöhe zwei Sachen sicher, der Hitzeschlag beim Bestaunen der Korinthischen, Dorischen, und wissen die Götter noch wie vielen anderen Säulen, die durch ihre Sandtöne sowieso eine Wüstenathmosphäre schaffen. Überbelichtete Fotos mit Safarihüten oder „I love Rome-Cap“ anderer Besucher im Bild vermitteln das Gefühl man sehe eine Fata Morgana.

Abends allerdings mit Frapee im Park, an einer Stelle an welcher man nur die schönen Klänge der Straßenmusiker herrüberströmen hört, wirkt man selbst auf dem Weg nach oben und auch die 2500 Jahre alten Steine sehr elegant.

Für 5€ gibts klimatisierten Ausblick auf den Hügel. Im Acropolimuseum kann man durch Riesenscheiben die antike Stätte betrachten und einige Fundstücke im Museum bestaunen.

Die engen Gassen Rund um das Wahrzeichen Athens, im Stadtteil Plaka, sind prädestiniert für Selfis mit weißen Wänden und blauen Fensterläden an den neoklassizistischen Fassaden. Fischtavernen und Cafes an jeder Ecke, überfüllte Lokale mit überforderten Kellnern und Bedienungen. Man spürt den Charm des Bezirks und teilt die engen Treppen mit Menschenmassen, deren Schuhe die weiße Farbe Schritt für Schritt dunkler färben. Wieviel die Stadt wohl jährlich für den neuen weißen Anstrich von den Stufen bezahlt bleibt ein Geheimnis.

Hier ist immer was los, mit Glück verirrt man sich in stille Gässchen und kann entspannt den streunenden Katzen zuschauen.

Mathilda im klimatisierten Museum vor der Akropolis

Mathilda im klimatisierten Museum vor der Akropolis

Omonia-Platz, das Herz Athens ist gebrochen

Angelegt als Platz der Einheit im 19. Jahrhundert, etablierte sich die Gegend rund um den U-Bahnhof zur teuren Vorzeigegegend. Die Zeit in der die Geschäfte von Hotels, Einkaufszentren und Einzelhändlern im Handelszentrums der Metropole florierten ist vorbei.

Die Wirtschaft ist auseinandergebrochen, Hotels sind besetzt und Schaufenster mit Pressspanplatten dekoriert. Es klafft ein Abgrund zwischen Arm und Reich, in den die noch Ärmeren hineinfielen und den harten Aufstieg aus der Tiefe nicht schaffen.

Omonia ist die Kante am Abgrund.

Es wuselt unter dem Platz, wenn alle gleichzeitig Feierabend haben, umsteigen, einsteigen, aussteigen.

Am Eingang zur Metro bekomme ich täglich kostenlose Damenbinden zur Probe angeboten. Ich lehne ab und gönne diesen Gratistest einer der obdachlosen oder verarmten Frauen, die für Lebensmittel und Drogerieartikel auf Ration stundenlang anstehen müssen und erschöpft auf das erscheinen ihrer Zahl auf dem Monitor warten.

Zwei Gassen weiter gibt es einen Waschsalon, gegenüber von staubigen getönten Scheiben, hinter denen sich wohl mal Angestellte vor der blendenden griechischen Sonne schützten. Jetzt tippen dort weder Tastaturen noch gelangweilte Finger.

Free WIFI während man darauf wartet, dass die Umdrehungen langsamer werden, hilft nicht gegen den hungrigen Magen. Da schafft aber der Ägypter mit leckerer Falafel von nebenan Abhilfe. Hier treffen Prostituierte, Junkies und Flüchtlinge, auf Polizisten, Waschsalonbesucher, Kioskbesitzer und Obdachlose. Dieser Mann versteht etwas von Falafel und Humus.

Die Motorradpolizei ist hier überall zu sehen, meistens aber trinken sie Frappé und lehnen lässig auf ihren Lenkern.

Prostitution neben dem Kofferverkäufer oder zitternde Versuche eine Nadel in die Vene zu treffen sind Nachmittags genauso allgegenwärtig wie Kinder die von der Schule kommen oder Freundinnen die im Café miteinander quatschen.

Bei jedem reglosen Körper den ich auf dem Boden liegen sah, blieb ich kurz stehen um zu sehen ob sich der Brustkorb noch hebt und senkt.

„Passanten passieren Straßen passioniert“, so redete ich mir den Ekel aus der in mir aufstieg, wenn ich bemerkte, dass diese Menschen keiner bemerkte. Hier schaut jeder nach seinem Wohl, so nah am Abgrund kann man wohl die Anderen nicht mal sehen.

Diese Stadt hat keinen Kern und es ist gut, dass ein pulsierendes Handelszentrum seinen Charakter ändert. Das einstige Zentrum, ist nun der Mittelpunkt vieler Gespräche, die sich um Schuld drehen. Flüchtlingskrise oder Wirtschaftskrise?

Das Pantheon ist eben auch nicht mehr Zentrum Athens.

Mal sehen wie diese Wunde verarztet wird. Denn denke ich bei Sonnenschein, es ist doch echt toll, dass sich hier die Menschen anlächeln, „Jassas“ raunen und auf Klappstühlen in engen Gassen quatschen. Bei Einbruch der Dunkelheit packen Omis Schlüpfer und Socken weg und machen Feierabend, genau wie der Kofferverkäufer, sogar die Obdachlosen mit ihren Kleingeldbechern räumen die Straße. Die Ubahn und die Tram sind jetzt Sardellenbüchsen.

Der Radius rund um den Omonia-Square wird jetzt zum düsteren Wald der Machenschaften. Vor allem dunkle Gassen füllen sich mit grell angezogenen Frauen, die „mache alles!“ säuseln. Ladenhüter entpuppen sich als Drogenhändler im großen Stil, die Flüchtlinge als Laufburschen anwerben. Überall faucht es, brüllt es, schreit es, so muss sich der Dschungel bei Nacht auch anhören. Es ist fast angenehm, durch die nächtliche Kühle zu schlendern und das wilde Treiben zu beobachten. Wüsste ich nicht, dass es Streit um die nächste Portion Meth oder Crack, um den Preis für „alles“ oder um Schuld oder Unschuld ginge, wäre es wie in den Tropen.

Streetart in Exarchia

Streetart in Exarchia

Arbeiten wo der Weihnachtsmann Urlaub macht

Schwitzen in der Metro, weil die Griechen Kinderlieb sind, haben wir einen Sitzplatz. 10 Uhr morgens sind wir an der Haltestelle Sygroufix, ein dürrer, stinkender Mann steigt zu, der sich kaum halten kann, weder auf seinen eigenen Beinen, noch an einem der Haltegriffen. Auch ihm wird ein Platz freigemacht, er lässt sich halb auf die Dame neben ihm und halb auf den Sitz plumpsen und verharrt in seltsam verrenkter Position.

„Mama, der Mann da..“, interessiert sich meine Tochter.

Klar, würde mich auch interessieren was der so genommen hat, wie man ihm helfen kann oder ob er eigentlich nur müde ist und Obdachlos, vielleicht gar keine Hilfe will und nur heute eben mal Badhairday in Kombination mit Badsmellday hat. Meiner 6 jähtigrm Tochter will ich während der letzten zwei Stationen weder Auswirkungen einer Wirtschaftskriese, Alkohol- und Drogenproblemen noch unglaublich starker Müdigkeit erklären. Ich habe ein bisschen Angst vor dem Ende ihres Satzes. „Ja, was ist mit dem Mann? Außerdem müssen wir gleich raus,ja?“, frag ich, um sie davon abzulenken. „Na der Mann hat so nen riesigen roten Sack dabei, der macht hier Urlaub.“, stellt Mathilda fest. Ich bin sehr verwirrt und beschließe, das erst mal so stehen zu lassen, bis wir an der Haltestelle Panepistimiou ausgestiegen sind. Auf der Rolltreppe quasselt dieses Fantasiemonster drauf los, sie wisse ja jetzt, dass der Weihnachtsmann in Griechenland Urlaub mache und von hier offenbar auch viele Geschenke mitnimmt in nem roten Sack und wie genial das doch sei, dass es nur ihr aufgefallen wär und sie damit ein einzigartiges Erlebnis hatte und mich das gar nicht interessiere und sie das ja gar nicht verstehen könnte.

Nach diesem Schwall an Freude konnte ich nur noch lachen und mich freuen, dass ich mit ihr wieder einen tollen Arbeitsweg habe.

Auch auf unserem Fußmarsch, begegnen wir Armut und der Polizei. Bettler, denen Mathilda immer winkt und die meistens lächeln, lungern auf dem Vorplatz einer Kirche. An der Uni drücken sich junge Männer und werfen ihre Spritzen und leeren Flaschen zum Leidwesen Mathildas neben den Müll, statt hinein. Die Polizisten, die sich nur bis an die Ausläufer des Bezirks wagen kümmern sich nicht um Drogenkonsum oder korrekte Müllentsorgung. Aber sie winken uns fast täglich zu. Auf der Hälfte des Weges wartet Papadopolu, ein alter obdachloser Mann, der immer auf der selben Bank sitzt und uns täglich mit einem Lächeln grüßt, wir kennen seinen Namen eigentlich nicht, haben ihm aber kurzerhand einen gegeben, da er immer so lieb ist und auch gerne mit uns auf Griechisch (was wir kaum verstehen) quatscht.

Vorbei an Streetart, mal politisches Statement, mal erster Versuch und mal wahre Kunst, schlendern wir möglichst im Schatten der hohen weißen Häuser bis zum hippen vegan-vegetarischen Café, dem Nachbar Khoras.

Typisches Straßenbild der grünen Häuser in Exarchia

Typisches Straßenbild der grünen Häuser in Exarchia

Klischee

Die Bewohner Exarchias sind weder Linke-Elite, noch Von Anarchisten rekrutierte Flüchtlinge. Das schöne hier ist, der Stadtteil ist bunt! Eine Mini-Gesellschaft, die die Gesetze selbst bestimmt, oder es versucht.

Selbstverwaltung, Selbstbestimmung, das wollen viele Bewohner, aber längst nicht alle. Viele schätzen, dass die städtische Müllabfuhr ihre Runden dreht, auch wenn sonst Verordnungen der Stadt eher unerwünscht sind. Familien leben in unsanierten Altbauten gemeinsam mit Studenten, mögen Exarchia nicht wegen der allfreitäglichen Straßenschlachten, sondern wegen den Parks, den langjährigen Nachbarn und den guten Restaurants.

Flüchtlinge mögen den Austausch mit Alteingesessenen, wohnen deshalb in besetzten Häusern und besuchen zum Mittagessen, Einrichtungen die von internationalen Freiwilligen geleitet werden.

Aus überteuerten Parkplätzen wurden hier Miniparks gestaltet, Banken haben vor den wöchentlichen Molotovcoctails reißaus genommen, kurz bevor eine Menge neuer guter Bars in dieser Gegend geöffnet haben.

Die Gassen hier sind so von Einheimischen belebt wie nirgendwo sonst in Athen. Jeder quatscht mit jedem und man muss nicht lange warten um ins Gespräch zu kommen.

Hausbesetzer und Flüchtlinge oder Obdachlose die im Zelt leben, haben kein fließendes Wasser und nutzen die öffentlichen Duschen, die von freiwilligen betrieben werden. Ein umtriebiger Ort, an dem das Warten mit griechischem Wein versüßt wird.

Hier am Fuße des Lofos Strefi, trifft man sich um Gras zu rauchen und dann gemeinsam die spätnachmittägliche Aussicht auf dem Hügel zu genießen.

Die Aussicht ist unschlagbar und definitiv der Beste Ort um den Feierabend zu genießen.

Ich treffe hier weitaus mehr Künstler mit Siebdruckwerkstatt als gewaltbereite Linke.

Live-Musik in einem authentischen Lokal in Exarchia

Live-Musik in einem authentischen Lokal in Exarchia

Gefährliche Gegend

Unbehaglich wirds im Bezirk der Gesetzlosigkeit nur, wenn man eines der älteren Squads betritt, die mit dem authentischem Geruch von Anarchie und Katzenpisse begrüßen. Dreckige,schmierige Stufen führen mehrere Stockwerke hinauf, ausgehebelte Türen lassen den Blick in hyggelige Zimmer, mit selbstgezimmerten Möbeln und mit eingeworfenen Fenstern. Jeder Athener liebt die Dachterasse, nur das hochklettern wird zur Mutprobe in manch einem besetzten Haus, wenn eine enge Wendeltreppe auf der einen Seite den 15 Meter-Todessturz ermöglicht. Um die heikle Situation zu entschärfen, sollte man oben angekommen, den Aufstieg nicht mit noch mehr Wein begießen, damit man später auch wieder heil nach unten tapsen kann.

Stadt am Meer

Zuerst steckt man den roten von Sonnenbrand gezeichneten Körper in die Tram, dort ist es schon mal angenehm kühl. Irgendwann tuckert man am Strand entlang, und kann eigentlich an jeder beliebigen Haltestelle aussteigen und zwischen schokobraunen Rentnern in die Sonne liegen.

Edem ist eher was für Raves am Strand, wenn man mittags sein Handtuch ausbreiten will, sollte man die Harke schnappen und den Müll beiseite rechen.

Marina Alimos ist super um zwischen bonzigen Yachten zu flanieren, Roller oder Fahrrad zu fahren und die angebliche Krise mit Erfolg abzustreiten.

Weiter im Süden wechseln sich stille Sandstrände mit Steinstränden, plus Fußsolenmassage, ab. Zwischendurch gibt es Strandbars, teilweise mit superheißen, gummibootartigen Wasserparks und coolen DJs.

In Kalithea gibt es das SNFCC, klingt wie R2D2 ist auch so Future wie in Star Wars nur mit weniger Krieg der Sterne und mehr geschmackvollem Design. Mehr zu diesem besonderen Fleck, der unser Lieblingsort wurde, von Waldemar.

Annalena Strenger auf dem Lofos Streffi in Athen, Exarchia

Für eine Selbstfindungsreise eignet sich die Hauptstadt des Kriesenlandes hervorragend. So viele verschiedene Lebensphilosophien kann man hier beobachten und in alle möglichen Charaktere schlüpfen. Die Athener sind liebenswerte lockere Menschen, die in allen Gesellschaftsschichten eines verbindet, die Liebe zu Frappee und Kindern. Die Stadt ist authentisch. Die Wahrheit versteckt sich hier nicht hinter weißen Fassaden, sondern wird einfach auf die Wände geschrieben! Wenn nicht dort, findet man die ganz individuelle Wahrheit bei den gesprächslustigen Menschen. Weil überall wo Menschen sind, sind die Meinungen nicht weit.

Heydar Aliyev Center in Baku

Verfasst von Annalena,

12. Dezember 2018

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Schenny (Samstag, 19 Januar 2019 11:26)

    Finde es Mega schön von euren Erfahrungen und Erlebnissen zu lesen, freu mich wahnsinnig für euch drei, dass ihr zusammen als kleine tolle süße Familie diese schöne Lebenserfahrung machen dürft. Wünsch euch alles Glück der Welt auf euerem weiteren weg <3

  • #2

    der Pirat (Sonntag, 20 Januar 2019 11:59)

    20€-Erlebnis Acropolis nur für alte Hasen...
    Für Studierende der EU und Kinder sind alle Museen in Griechenland kostenlos! ;)
    Interessanter Beitrag Anna!