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Erziehung

Schon das Wort ist ein für mich theoretisches, philosophisches, was in die Psychologie und Pädagogik-Schublade gehört.

Das Sinnbild Fröbels einer Blume, für das Dasein eines Kleinkindes ist zwar so simpel und treffend.

Doch das Wort Erziehung ist ein für mich negativ behaftetes.

Zum einen sicher den unendlich vielen Ratgebern, Zeitschriften und Krabbelgruppengesprächen geschuldet, die das Thema wie ein Perpetuumobilee ständig wieder und wieder aufgreifen.

Andererseits aber auch dem Wortstamm des Ziehens geschuldet. Um Etwas zu ziehen, oder auseinanderzuziehen, ist viel Kraft notwendig und das Gezogene muss sich dem Zug hingeben. Ich bestimme ganz und gar. Ein Pflänzchen zu ziehen, kommt Fröbels Idee ziemlich nahe, aber es hat gleichzeitig auch etwas mit Zucht und Bestimmung zu tun, ich entscheide, welches Pflänzchen wann wo wie gezogen wird und das Pflänzchen ist mir hilflos ausgeliefert.

Das Wort Erziehung passt in eine autoritäre Welt, nicht in eine Demokratische. So sehe ich das.

 

„Wie erzieht ihr eigentlich eure Tochter?“,

wurde ich neulich gefragt, die Antwort kam knapp: „So dass wir mit einander klar kommen.“

Diese Frage nach Methodik oder Stil lässt mich aber nicht mehr los. Immer öfter denke ich darüber nach, wie machen wir das eigentlich?

Kategorisieren ist Quatsch

Und Quatsch mit Soße mein Leibgericht, denn wir tun es jeden Tag. Alles einordnen um es zu verstehen, vervollständigen um den Sinn zu erkennen. Das passiert automatisch und ist in mancher Hinsicht ein hilfreiches Instrument, um zum Beispiel Shirts mit „FCKNZS-Aufschrift“ überhaupt entschlüsseln zu können.

Kinder sind aber keine Wörter, bei denen die Vokale fehlen!

Deshalb ist unser Zusammenleben auch weder Bindungsorientiert, noch Unerzogen oder Laisser-faire und was es da wohl sonst noch gibt.

Ich habe keine Methode, keinen Stil, ich besitze keine Bücher wie ich mein Kind richtig erziehe, ich könnte höchstens welche schreiben, so viele Ideen wie ich schon hatte, reichen die sicher für ein Buch.

Mathilda auf dem Skatepark in Tbilisi, Georgien

Mathilda auf dem Skatepark in Tbilisi, Georgien

Rebellion wächst nicht nur im Kinderzimmer

Auch ich bin Dagegen! Vieles passt mir nicht in den Kram und ich Verurteile es.

Es sind ganz persönliche Erfahrungen, die ich nicht mehr machen will und es ist unsere Zukunft die ich in meinem jetzigem Handeln sehe.

Angefangen bei Müll im Wald bis hin zu Menschen, die ihren Leitfaden des Lebens als einzige unumstürzbare Mauer vorstellen und nicht mal versuchen über diese Mauer zu lunschen um zu sehen was es da sonst noch für interessante Möglichkeiten gibt.

Warum sollte ich mich wundern, dass meine Tochter das auch tut?

Sie ist ein Aufständischer gegen das System der Eltern und in einer Demokratie darf man doch wohl hinterfragen. Sie ist manchmal ganz zurecht ein Trotzköpfchen, womit sie uns zum Nachdenken bringt und wir die Volksabstimmung in unserer Familie eingeführt haben. Ich mag Menschen die wissen was sie wollen und auch wenn nötig Nein sagen können.

Wir sind alle Dickköpfe mit Verständnis, das macht das zusammenleben kompliziert aber erst so richtig spannend.

Ich lehne Erziehungsratgeber ab,

nicht nur weil ich alles besser weiß , sondern weil ich überzeugt von Individualität bin.

Wenn ich einen Ratgeber durchblättere finde ich immer Schubladen und Kategorien, Beispiele und Belege. Irgendwas davon trifft immer auf mich zu, wie beim Horoskop lesen. Man kann daran glauben oder nicht. Ich glaube weder an Horoskope noch daran, dass ein Autor, der uns noch nie über den Weg gelaufen ist, weiß was für unsere Familie richtig, gut und hilfreich wäre.

Atelier in Jerewan, Steinmetz, Skulpturist

Im Atelier eines befreundeten Künstlers in Jerewan

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass man nicht weiß wer recht behält

Theorien von Pädagogen und Psychologen oder Erziehern und Wissenschaftlern halte ich für sehr interessant, die Persönlichkeiten dieser Reformer auch. Ob Bowlbys Bindungsforschung aus den 1940ern oder Erkenntnisse von Fröbel, Montessori und Freud.

Ob Freuds Phasen der psychosexuellen Entwicklung, oder Bowlbys Theorie, beide bewirkten Umbrüche und Weiterentwicklung der Art und Weise der Erziehung.

Zwang wie auch Verwöhnung wurden von Freud als gleichermaßen Schädlich entlarvt. Bowlby erkannte die Wichtigkeit der Geduld und Empathie für das Kind.

Doch ist heute so einiges der Theorien widerlegt oder weiterentwickelt und hinzugefügt.

Friedrich Fröbel war unteranderem Wegbereiter dafür, dass die Kindheit ein eigenständiger Lebensabschnitt wird und Maria Montessori entwickelte geniale Selbstkontrollspiele, während sie sozial benachteiligten Kindern half.

Die Innovation von damals ist heute im Kern vieler Erziehungsratgeber versteckt, aber von vielen neuen Ideen umzingelt.

Wer weiß denn heute schon, was morgen gültig sein wird oder gut oder richtig?

Die Klugscheißer von damals wussten das genauso wenig wie ich das heute wissen kann.

Das rechtfertigt die Antitrend-Haltung

Bei manchen mag die eine Methode super klappen, bei vielen eine andere. Kindergarten, Zuhause oder Tagesmutter? Das ist doch individuell!

Als Mathilda 2012 auf die Welt kam, waren alle die Muttis und Vatis aus der Krabbelgruppe überzeugte Zuhauseeltern ohne Tagesmutter oder Kindi, vielleicht ab und zu mal bei den Großeltern. Ich habe damals darüber nachgedacht und fand die Möglichkeiten die wir haben spannend und wollte abwarten.

Mathilda war wohl kein Trendkind, zuhause war für sie irgendwann mit 2 Langweilig, sie wollte bei Oma, Tante oder bei Freunden übernachten. Die Eingewöhnung im Kindergarten ging nur 2 Tage und es war für sie eine Qual krank Zuhause zu sein, während ihre Freunde gemeinsam spielen. Ihre Art ist es, alles Neue unbeschreiblich spannend zu finden und offen auf alle zuzugehen.

Sie ist wie jedes Kind besonders und wir sind keine Rabeneltern nur weil wir sie ohne schlechtes Gewissen bei WG-Mitgliedern oder Kindifreunden übernachten lassen und in der Zeit auch mal feiern gehen.

Wir wissen eben auch nicht was der ideale Weg ist, denn Forschungsstudien und deren Ergebnisse müssen ebenfalls ergänzt werden.

Außerdem sind wir doch alle nur Menschen, die durch Versuch und Irrtum lernen. Ob unsere Kinder oder wir Erwachsenen, neues erfahren wir am liebsten in dem wir es ausprobieren.

Auf unbekannten Pfaden

Es ist ein Risiko etwas anders zu machen. Es den anderen gleich zu tun aber auch, denn keiner garantiert dir, dass es klappt. Die ausgetretenen Pfade scheinen eben nur sicherer sind es aber nicht unbedingt.

Wenn man wagt ganz eigenwillig zu entscheiden, im Leben und im Zusammenleben, muss man ein kleiner Tüftler sein, der Lösungen erfindet, die es noch nicht gibt. Das kann verdammt erfüllend und interessant sein, aber auch anstrengend und ausweglos erscheinen. Man kann ja nicht mehr nachlesen wie es die Regeln für Qualitätserziehung vorschreiben oder Bekannte und Blogs befragen wie sie Anomalien ausmerzen.

Auch wenn das nach einsamem Freiheitskämpfer klingt, der sich aus Trotz und Naivität auf die andere Seite stellt nur um besonders Anders zu sein, ist das nicht die ganze Realität.

Wir sind Erfinder

In Phasen, in denen man nicht weiter weiß ist es, entgegen meiner sonstigen Andershaltung sehr heilsam und ratsam, sich Auszutauschen, mit Eltern, Lehrern, Kindergärtnern, Freunden, irgendwem. Gerade weil sie es anders machen, erkennt man Pros und Contras am eigenen Verhalten.

Seit 6 Jahren tüfteln wir am zusammenleben, alle miteinander, auch unsere Tochter. Wir testen alle Grenzen, jeder seine eigenen und die der anderen. Wir sind traurig und verletzt und wütend, aber auch stolz, glücklich und dankbar.

Die beste Erkenntnis bisher ist, dass es keine Steigerung von Richtig gibt.

Das einzig Richtige

Gibt es nicht! Mit Ausnahme natürlich der UN-Kinderrechtskonvention.

Ansonsten muss man ein großer Entdecker sein und somit das beste Vorbild für seine/n kleine/n Entdecker!

 

 

Was unser Wunderfitz dazu sagt, dass wir sie mit auf Weltreise schleppen kann man sich hier im Interview mit Markus anschauen. Etwa ab der 20. Minuten ist sie zu sehen.

Auf dem berühmten anarchisten Hügel in Exarchia, Athen, Griechenland

Auf dem berühmten anarchisten Hügel in Exarchia, Athen, Griechenland

See in Jermuk, Herbstidylle, Herbst, Armenien, Dschermuk

Verfasst von Annalena,

10. Dezember 2018

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