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1001 mal "sak kodschah?" - Die Geschichte vom verlorenen Hund

Hund in der Wüste, König der Löwen

Isfahan, eine Stadt in Zentraliran, von den Seldschuken und Safawiden zum Zentrum erkoren und reich an Kunsthandwerk und besonderer Architektur, eine Stadt mit Jahrtausenderalter Geschichte.

Weit außerhalb des Zentrums laufen wir täglich unsere Runden und stellen ein und die selbe Frage auf Farsi, "Sak kodschah?". Ara ist weg. Unsere Flugblätter und Zettel an den Bäumen nach wenigen Stunden auch.

Hunde sind in der Islamischen Republik verboten, wenn ein Iraner einen Hund als Haustier hat, geht er nachts spazieren um dem Tod des Hundes durch Polizeigewalt zu entgehen. Wir als Touristen genießen Sonderstatus von dem wir bis zu diesen Tagen nichts wussten.

 

Hier beginnt unsere Geschichte, unser Verständnis und Unverständnis, der Iran wie er wirklich ist.

Die dunkle Seite des Reisens

Wir haben mehrere "Bargeld-Bunker", VISA oder Mastercard funktionieren im Iran nur in den allerwenigsten hochpreisigen Hotels. Daher sind wir hier Millonäre, der Rial-Kurs schwankt und ist für uns ein Wechselspektakel, weil wir superreich sind nach jeder Transaktion und mit Straßenwechslern feilschen können. Handeln ist selbstverständlich im Iran und versüßt den Alltag der meisten Einheimischen, ein Spiel. Vergleichbar mit älteren Männern die am Stammtisch Karten spielen, das ist im Iran jedoch auch verboten.

Unsere fetten Rialbündel verstauen wir in unseren Bunkern- normalerweise.

Außer diesmal. Schwarzmalerei ist im Iran untersagt, wir sind ganz Gesetzestreu, lachen über die Reste des brennenden Reifens vor unserem Auto. Mist, alles grau, dreckig, schwarz, Ara hat die stinkende Gummileiche an den Pfoten ins Auto geschleppt. Sie rennt um uns herum, nachdem wir sie aus Gulliver rausgehopst kam, freut mich, dass sie so glücklich über die Sauerei ist. Noch kurz das müffelnde Geschirr abwaschen, dann schlafen. Aus dem tobenden Hund wird plötzlich ein Angsthase, als Waldi das Spülwasser auskippt. Ara erschrickt und hopst davon Richtung Park. "Die kommt gleich wieder, spätestens zur Futterzeit."

Moschee in Esfahan, Isfahan, Iran

Die geniale Architektur in Esfahan

Warum es so schade ist, dass Alkohol im Iran verboten ist

Einfach nur schlafen, das wollen wir, deshalb zieht Waldi los um Ara zu suchen. Wir lassen die kühle Abendluft durch die Türe hereintanzen und liegen schläfrig nebeneinander.

Waldi reißt den Vorhang auf und uns überrollt extremer Knoblauchgeruch. "Hast du mich nicht gehört, verdammt ich hab dich gerufen?!" "Ne, warum rufst du nach mir statt nach Ara?"

Danach ist das Einzige was bei mir ankommt Schlagwörter. "weißer Fars, 5 Männer, Messer an der Kehle, Pfefferspray, Ausgeraubt.”

Touristpolice ist das Zauberwort, damit man sich nicht quält mit Farsi, sondern an englischsprechende Polizisten verbunden wird.

Das ist alles wie in einem Albtraum. Angst hatte immer eine andere Bedeutung für mich als ich sie jetzt spüre. Diese Angst kam plötzlich und sie bleibt auf halbem Weg stecken, verschwindet nicht, wenn ich das Licht anmache, wie früher als Kind. Sie macht meine Beine taub und vermischt sich mit Schuldgefühl. Warum haben wir Ara nicht sofort gesucht? Wieso hab ich Waldi nicht rufen gehört? Weshalb haben wir das Geld nicht versteckt sondern in Waldis Jacke gelassen? Warum haben die Kerle nichts besseres zu tun? Und warum verdammt ist in diesem Land Alkohol verboten und der Konsum mit harter Strafe geahndet?

So gerne wie jetzt, wollte ich noch nie einen Kurzen kippen. Noch NIE!

Parks - gesellschaftlicher Verfall oder Unterschlupf der Gesellschaft

Der Schlüssel der Lenkradsperre, ist der einzige den es nur ein Mal gibt. Wir müssen sägen, um losfahren zu können, wie es die Polizisten von uns wollen. Wir wollen davor aber Ara finden. Ich hab für Kurze Zeit einen persönlichen Wachpolizist, solange Waldi mit seinem Kollegen im Polizeiauto nach Ara sucht, Runde um Runde wird es unwahrscheinlicher sie bei dem Schummerlicht der wenigen Straßenlaternen zu entdecken.

Aus Angst und Sicherheitsgründen fahren wir ohne Ara los, parken neben rostigen Polizeifahrzeugen auf dem Hof des Polizeipräsidiums.

Nach einer Aussage und drei Stunden Halbschlaf, wird Waldi von zwei Komissaren zum Nazhvan-Park begleitet um den Tatort zu besuchen und um, entgegen allen Gesetzen, mit ihnen Ara zu suchen. Erfolglos kommen sie zurück, veranlassen Polizeipräsenz an den Parkeinfahrten und auf dem Parkgelände. Sie fahnden nach einem weißen Fars, das ist das Lieblingsmodell aller Iraner, also ist das eher als Pflichtprogramm mit sicherem negativen Ergebnis zu verstehen.

Auf bewaffneten Raubüberfall gibt es im Iran hohe Strafen, besonders auf Touristen und wenn es als Bandenkriminalität nachzuweisen ist, droht die Todesstrafe.

Viele brechen Gesetze, spielen Musikinstrumente und Andere tanzen dazu oder halten mit ihrem Freund Händchen. Gerade in Parkanlagen erwischt die Polizei ab und zu solche Straftäter und steckt sie für Stunden oder Tage in eine Zelle. Touristen zu überfallen ist total lukrativ, denn sie können nicht bargeldlos bezahlen und haben wegen des Rial-Kurses für iranische Verhältnisse krass-viel Para in ihren Taschen. Dass die Kriminalität in diesem Park extraordinär hoch ist, erfahren wir erst zu spät.

Polizei im Iran, wie sie sich gerne selber darstellen

1001 mal -Sak kodschah-?

Wir mutieren zu Katzen, schlafen immer nur so halb, unsere Ohren sind überall bei jedem knirschen werden wir hellhörig, denn sogar der bewachte Parkplatz neben einem Neubau scheint uns unsicher, außerdem ist Ara vielleicht auch jetzt unterwegs und sucht uns wie wir sie tagsüber aufzuspüren versuchen.

Sofort wird uns geholfen unseren englischen Text auf Farsi zu übersetzen, gleich mehrfach. Wir posten auf Instagram und Couchsurfing, schreiben Bekannten mit iranischen Verwandten und sprechen wildfremde Bäcker, Bauern, Familien an. Wo ist Ara? Unser Suchradius wird größer und verschiebt sich täglich, da die Orte an denen Ara als letztes gesehen wurde immer mehr Richtung Norden ziehen. Viele schreiben uns oder rufen an, um uns zu helfen, mit Orten und der Uhrzeit an denen sie Ara gesehen haben. Andere übersetzen für uns oder begleiten uns auf unseren Märschen durch die Hitze Isfahans, durch heruntergekommene Lehmhäuserstraßen und sanierungsbedürftige Straßenzüge die teilweise mit Stacheldraht umzäunt sind. Es ist eine Suche in einer der ärmsten Gegenden der Stadt, in der viele ihr Überleben mit Landwirtschaft sichern. Die kargen Felder neben den Wohnhäusern werden von Lehmmauern spinnennetzartig durchkreuzt. Wenn die streunenden Hunde auf den Feldern doch nur sprechen könnten, würden sie uns zu Ara führen, so müssen wir uns durch das Straßengewirr kämpfen. Wir kleben 200 Zettel mit Aras Foto an Bäume, Häuser, Laternen, Zäune. Nur Stunden später sind viele davon weg, abgerissen, hingeschmissen, zerknüllt, draufgetrampelt oder eingesteckt und aufbewahrt. Die Suche verdrängt die Angst, aber sie macht uns anfällig für negative Gedanken. Wir sind auf der Suche nach unserem Hund und auf der Suche nach dem glauben an die Menschlichkeit, beides haben wir im Iran verloren.

 

"Ara finden wir nie mehr, die Menschen hassen Hunde, reißen unsere Zettel ab, rufen an um uns zu fragen wie es uns geht und ob wir sie besuchen, weil wir Ausländer sind, die kümmert unser Verlust gar nicht, die wollen nur einen schönen Abend mit uns, keine Spur von Tierliebe."

10 Tage, länger nicht, haben wir abgemacht und laufen uns nebenbei die größten Blasen an die Fersen, mit unglaublich viel Unterstützung und netten Gesprächen und Begleitern. Wir finden Freunde auf diesem Weg, die ohne zu zweifeln für uns da sind. Wir tragen auch Wut im Bauch gegen die, die gegen uns Arbeiten, versuchen zu verstehen, dass für viele in dieser Gegend jeder Tag ein Kampf ist.

Wir kennen uns in diesem Viertel schon so richtig gut aus, wissen wann die älteren Herren sich im Park treffen, wem die Schafe auf den Feldern gehören, doch so gut wie Mamoud kennen wir die engen staubigen Gassen nicht. täglich kommt er mit seinem Motorrad angeknattert, fragt nach Ara und holt Waldi ab, um mit ihm Runden zu drehen und unsere Füße zu entlasten. Unser Farsi und unsere Laune ist schlecht, deshalb reden wir wenig. Wir verstehen uns ohne Worte, sitzen zusammen uns sagen oft nichts, gerade diese Zeit ist unglaublich wertvoll, denn die Stille tut gut, lässt uns Raum, Raum zum stillen lächeln-besser als jeder Versuch uns aufzuheitern.

 

Isfahan ist auch im November heiß, vorallem unter dem Kopftuch schwitze ich, absetzen kommt nicht in Frage, hier leben viele konservative Bürger, die uns sonst vielleicht noch mehr Skepsis entgegenbringen. Keine Ahnung wann ich das letzte Mal geduscht habe, fühlt sich nach sehr lange an, dafür riecht man mich wahrscheinlich schon von weitem, vielleicht findet uns Ara somit leichter. Statt wieder bei jeder Plastiktüte die im Wind flattert zu glauben da sei Ara und von der Realität enttäuscht zu sein, würde ich lieber duschen und die letzten Tage vergessen.

genervte Anna, Frau zeigt Stinkefinger, Wichser

Anna hat auch manchmal einfach nur die Schnauze voll

Taarof find ich doof

Aria will gesehen haben wie die Nachbarin einen Hund mitnahm, der dem Foto auf unseren Zetteln gleicht. Solchen Informationen gegenüber sind wir misstrauisch, wollen uns nicht zu früh freuen.

Später ruft sie wieder an, wir sollen später vorbeikommen die Nachbarin würde Ara mitbringen und erwarte eine Gegenleistung.

Im Land der verwirrendsten Höflichkeit die ich kenne, bin ich eine Forderung nach Gegenleistung gar nicht mehr gewohnt. Total aufgeregt kommen wir bei "NAME?? an, können nichts von dem essen was sie auf ihrem Tisch drappiert hat. Wir bieten ihr die Hälfte des Finderlohns an. Wie im Iran üblich wird sie nein sagen, mindestens 3 mal, wenn sie beim vierten Mal ja sagt meint sie ja, wenn es bei nein bleibt ist es tatsächlich nein. Um jeden vor Peinlichkeiten zu schützen oder unglaublich höflich und wertschätzend zu wirken oder sich irgendetwas vorzumachen spielt man Taarof. Bis heute habe ich diese Floskel bei der man jedem alles als kostenlos anbietet und mehr verspricht als man hat, absolut nicht verstanden. Trotzdem spiele ich mit.

Ganz Taarof biete ich sogar fünf mal das Geld an, sie lehnt ab.

Ara rennt als erte durch die Tür, die Zweifel ob das wieder nur eine Masche ist um ein Abend mit uns zu verbringen, verziehen sich ganz weit nach hinten, dafür rangeln Freude und Tränen miteinander. Eine unsympatische Erscheinung, die uns da unseren Findelhund wiederbringt aber immerhin kein Taarof, das wär mir jetzt auch zu doof.

Wir spazieren mit Ara zum Auto, als wär nie was gewesen. Das einzige was mich so sicher macht, dass es echt war sind die unglaublich vielen Widersprüche denen wir sonst nie begegnet wären und dass unsere Füße verdammt schmerzen.

Das Weise Buch

In meinem Reiseführer zählt Isfahan zur Nummer Zwei der TOP-Sehenswürdigkeiten nach "Menschen des Iran". Es gibt auf Reisen immer wieder Augenblicke die einem lange im Gedächtnis bleiben, lautet ein Satz zu der Stadt die das beliebsteste Reiseziel Irans ist. Unvergessliche Menschen und Augenblicke gab es in Esfahan für uns auf jedenfall.

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Ein Mann - ein Wunsch. Wie viel Spaß es macht einfach nur geradeaus zu trampeln.

Verfasst von Annalena,

14.06.2019

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Kommentare: 1
  • #1

    Павел (Sonntag, 25 August 2019 05:30)

    Вы молодцы! Не бросили любимую собачку Ару!Респект!!!Преданность дорогого стоит!!