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Georgien - Geheimtipps

Schätze sind wertvolle Sachen, meistens versteckt, verbuddelt oder verschollen. Man fühlt sich wie ein Entdecker ein Pirat oder ein Kind wenn man sie findet. Die wertvollsten aller Schmuckstücke tauchen ganz unverhofft auf.


Überraschungen

Auf so einer langen Reise rechnet man immer mit Überraschungen. Wenn’s um Defekte an unserem fahrbaren Zuhause geht, eher mit negativen.

 

Diesmal waren die Verständigungsschwierigkeiten zwischen der Kupplung und dem Getriebe durch einfaches Entlüften nicht zu lösen. Übernachten an der Werkstatt, darauf sind wir vorbereitet. Bis es dunkel wird, wollen wir uns vom Garagen -Viertel, der drittgrößten Stadt Georgiens, Richtung Innenstadt aufmachen. Wir hatten keine Ahnung was uns in Kutaissi erwartet. 

Kutaissi, große Stadt, kleiner Einblick

Sie ist die Hauptstadt der Region Imeretien, seit ein paar Jahren tagt dort das Parlament in dem Gebäude, dass das neue Georgien symbolisieren soll. Auf mich wirkt es, wie die Facettenaugen einer Schwebfliege, bei diesen Insekten verhelfen die Zehntausenden Einzelaugen zu einem vielfach größeren Blickfeld als beim menschlichen Auge. Kaum war das die Intention des Architekten, eine schöne Vorstellung bleibt die Umsiedelung des Parlaments zur Erweiterung des Blickfeldes dennoch.
 
Der Mechaniker ist ein echter Kommunikationstrainer, innerhalb von 10 Minuten wurden alle Störungen beseitigt. Aus der Erkundung zu Fuß wurde eine Ministadtrundfahrt in Gulliver, die nördlich in Richtung der Regionalstraße 112 zu Dinosaurierfußstapfen führen sollte.

Zqualtubo

Wir ließen die Einfahrt, die zu den Versteinerungen dieser Riesenfüße aus der Triaszeit führt, an uns vorbeihuschen. Weiter der Nase nach, weiter vorbei an Leerstand und belebten Straßen in, mit Kiosken gespickten, Dörfern. Immer tiefer hinein in eine von 7 Klimazonen, dieses kleinen Georgiens. Der Subtropische Fahrtwind, der unsere nicht vorhandene Klimaanlage ersetzt, verlangt einen Stop, zumindest um im Schatten von Irgendetwas zu sitzen.
 
Aus irgendetwas wird ein Laubbaum, der einen kleinen Stausee zum Nachbarn hat. Nur 20 km entfernt von Kutaissi, befindet sich unsere kleine Oase, sagt der Kilometerstand. Wir springen ins Wasser und passen auf, dass die Angler uns nicht mit Riesenkarpfen verwechseln.
Um meine Neugier zu stillen, wo wir eigentlich sind, folgen wir der Hauptstraße, in der Hoffnung das fünf Meter hinter uns befindliche Schild weist uns tatsächlich den Weg zu dem „Touristinformationcenter“ der Kleinstadt.
 
Dieses Gebäude für Besucher der Stadt erreichten wir nie! Wir waren sogar Stolz darauf, denn wir bekamen stattdessen Geschichten von Waschechten Zqaltuboianern erzählt. Zqualtubo oder Tskaltubo so heißt das Städtchen, wie wir später erfahren sollten.
 
Eine Verlassene Schönheit ruhte zwischen riesenhaften Eichen und einigen Palmen. Sozialistischer Klasizissmus par excellénce. Das leere Gebäude hatte nichts von seiner Eindrucksvollen Gestalt verloren, abgesehen von Türen und Fenstern. Das kam uns gerade recht, ohne Mühe und Dietrich konnten wir das leerstehende, frühere Sanatorium von innen besichtigen.
Palastartige Treppen führten hinauf in die mit Stuck verzierten Säle. Früher wohl, Aufenthaltsorte um die Zeit zwischen den Anwendungen im Kurhaus totzuschlagen, sich Abends zum Tanz zu treffen oder Mittags den Hunger zu stillen. Spärliche Räume, rechts und links der großzügigen Gänge, welche die imposanten Räumlichkeiten verbinden, boten den Erholungsgästen einmal eine Schlafgelegenheit. Im Keller ließen die herunterbröckelnden Kacheln auf den ehemaligen Spabereich schließen. Flaschen und Müll die auf jedem Stockwerk, den teils herausgerissenen, aber wunderschönen Parkettboden bedecken, sind Zeitzeugen von 25 Jahren ungenutzem Leerstand und ein paar richtig guten postsowjetische Trinkgelagen. Also, größtenteils ungenutzt!

Geheimtipps Georgien -Tskaltubo Schätze von Annalena

Atemberaubende Kulisse

Seit dem 19. Jahrhundert ist das Städtchen für die angeblich meisten heißen Quellen der Welt bekannt, obwohl Katherina zugibt, irgendwo in Frankreich gäbe es angeblich noch einen so einen Ort, in dem das heiße Wasser sich nicht von der Erdkruste unterdrücken lassen will.
Klar dass die populärsten Männer der UdSSR Radioaktivität so unabdingbar fanden, sie hatten wahrscheinlich Rheuma oder Gelenkserkrankungen, gegen welche die leichte Radioaktivität der in Zqualtubo entspringenden Quellen helfen. Das wusste auch Stalin und kurte hier. Vielleicht war die Aufrüstung von Atomwaffen nur der Bekämpfung des Rheumas vorbestimmt und gar nicht dem Kapitalismus.
 
Die heilende Wirkung der 33 Grad warmen Quellen sprach sich schnell herum, die Stadt bekam einen Bahnhof und kurz darauf begann der Bauboom, der trotz 5-Jahres-Plänen ziemlich rasant 19 Sanatorien und ein Kurhaus aus dem Boden sprießen ließ. Hotels und eine große Kaufhalle folgten.
100.000 Kurgäste die jedes Jahr anreisten ließen es sich hier neben Stalin gut gehen, wenn er nicht selbst zugegen war, dann hat man ihn in Stein gemeißelt bis heute in seiner Nähe.
Kurort, die Betonung auf U und schon ist es ein russisches Wort, das wie auf deutsch Erholung suggeriert, Auszeit von der Plattenbaunachbarschaft, Heilung und Wellness für die arbeitende Bevölkerung.
 
Das Ende der Sowjetunion war das Aus für die Sanatorien, der Anfang des Zerfalls. Bewohner der Stadt, so wurde uns erzählt, zerstörten freudetrunken die Oasen der heißen Quellen. Ein rebellischer Akt. Ein Fest auf den Trümmern, das vielen gut in Erinnerung blieb und einige nicht nur Tags daruf wegen des Katers, sondern auch der einst prachtvollen Gebäude wegen, bereuten.
 
Im ehemaligen Premium-Kurpark stehen ein paar renovierte, wohl damals besser davongekommene Badehäuser, vielen leeren und überwucherten Sanatorien gegenüber.
Abseitsgelegene Gebäudekomplexe werden von abchasischen Flüchtlingen bewohnt.
Mathilda spielt im leeren Pool mit zwei Kindern die seit ihrer Geburt in einem der alten Heilkurbadeanstalten wohnen. Wir sitzen zwischen Maispflanzen, Palmen, ein paar Schweinen und einem Hund. Die Mutti der Kinder jätet Unkraut in ihrem mit Brettern eingezäunten Teil des Beetes.
Viele Frauen in postsowjetischen Ländern haben die Fähigkeit mich im ersten Moment einzuschüchtern. Sie warten ab, blicken auf mich, als ob sie in mich hinein sehen aber nichts gutes in meinem Inneren erkennen und lassen sich durch mich nicht von ihrer Beschäftigung abhalten. Außerdem Antworten sie bei Bestellungen oder Fragen in Einwortsätzen und verziehen keine Miene. Hinter diesen meist faltenlosen eisernen Gesichtszügen stecken kinderliebe, interessierte, emanzipierte, weltoffene, gastfreundliche und romantische Wesen, die nur zwei Sätze länger brauchen um mir das zu zeigen.
Diesmal sogar mit ein Paar deutschen Wörtern.
Die Gladiolen blühen dicht neben den Maispflanzen und hinter der eingezäunten Sparte, kommt ein betagter Mann mit ledriger Haut hervor. Wir erfahren von ihm, dass früher alles besser war. Er mustert uns mit seinen wachen hellblauen Augen wünscht uns einen wunderschönen Tag und verschwindet mit dem struppigen weißbärtigen Hund, den er als seinen Jahrgänger bezeichnete und als Begleiter sehr schätzt.
 
Ab zum Plattenbaukoloss - denn Waldemar kennt die Tricks, viele Mäuler die gestopft werden müssen verlangen einen Kiosk. Pelmeni. Die russischen Maultaschen haben es uns Schwaben angetan.
Zurück bei Gulliver, Füße ins kühle Wasser und Pelmeni ins Kochende. Jeder nach seinen Bedürfnissen. Nachts wird es, wie der abchasische Opa schon vorhersagte, nicht kühler und unser Dachfenster steckt in der letztmöglichen Zarge.

Geheimtipps Georgien -Tskaltubo Flüchtlingsheim von Annalena

Höhlenparty

Prometheus Cave, klingt nach griechischer Mythologie und unterirdischen Höhlen.
Uns erwarteten brüllende Verkäufer, die ihre mehr oder weniger selbstgemachten Waren an den Touri bringen wollten. Ungeduldige und aufgeregte Tourigruppen brennen darauf, die mit buntem Diskolicht angestrahlten Party-Stalaktiten und Stalakmiten zu begutachten. Mir scheint, die Gesteine hierzulande eifern jedem Trend nach, ich frage mich ob wohl dazu die passende Musik läuft und dazu auf dem unterirdischen See alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Tanzen die Besucher selbst oder nur die Tropfsteingebilde nach dem fünften Glas georgischem Wein auf dem wankenden Boot? Als uns klar wird, dass weder Musik läuft noch Alkohol ausgeschenkt wird und die Aufenthaltsdauer von 45 Minuten nicht überschritten werden darf, ist der Mythos von feierndem georgischem Gestein gestorben.
 
Wir setzen uns lieber in unseren Gulliver, der zwischenzeitlich mehr Sauna als Auto ist. Eine fahrbare Sauna die keucht und keinerlei Mühe scheut, die wunderbar klare Bergluft zu verpesten.

Geheimtipps Georgien -Tschiatura Graffiti

Auf und Ab

Tschiatura, dort sollen seit Jahrhunderten Männer in Gottvertrauen und Abgeschiedenheit beten und arbeiten. Da nur Männer dieses Kloster, an einer Strickleiter hinaufklettern dürfen, wollten wir, die zu 2/3 weiblich sind nicht die Ruhe auf dem hohen Fels stören.
 
Wir fuhren also in die Stadt hinunter. Seit dem 19. Jahrhundert wird hier Manganerz abgebaut, das verpestet hier die Luft, auch wenn die Vorkommen erschöpft sind.
Zu Beginn mussten die Männer die steilen Felswände hochklettern, um das zum Stahlhärten notwendige Gestein abzubauen. 12 Stunden später, nach getaner Arbeit müde und erschöpft purzelten die Männer die Schlucht nach Hause um am nächten Tag wieder zu klettern, zu pickeln und zu purzeln.

 

Der Sozialismus kam, sah das Drama der purzelnden Männer und reagierte darauf. „Liebe Einwohner und Arbeiter von Tschiatura“, sagten sie, „wir wollen in eure Stadt investieren, damit alle sicherer und schneller zur Arbeit kommen. Wir werden herausragende Wohnblocks auf den angrenzenden Hügeln erbauen und damit diese nicht leer bleiben, vielen Genossen aus der ganzen Sowjetunion von dieser einmaligen Stadt erzählen.“ Die Einheimischen wunderten sich, dass jetzt nicht nur die Männer von der Arbeit purzeln müssen, sondern sogar Frauen und Kinder, die hoch oben in den schönsten Wohnblocks einzögen. Die Parteiführung hatte aber noch ein Ass im Ärmel. Wenn nämlich eine Fabrik, Gondeln für den Abtransport des Manganerzes bauen kann, dann doch sicher auch für den Transfer von Zuhause in die Stadt oder zur Arbeit. Gondeln als einziger Nahverkehr der Stadt, die Einzigartigkeit war gesichert und die Neugierde der potenziellen neuen Arbeiter auch. Schnell wuchs die Stadt nachdem die Büchsen auf und ab fuhren. 

Geheimtipps Georgien -Wohnen in Tschiatura

Tschiatura heute - eine Zeitreise

Arbeitslosigkeit war ein nie dagewesenes kapitalistisches Gespenst, das leider jetzt hier sein Unwesen treibt. Heute ist die Stadt nichts mehr für Parteigenossen und Arbeiterbündnisse, stattdessen kommen hier Nostalgiker auf ihre Kosten. Die Stahlkabinen, die zu den einstigen Domizilen über den Fluss den Berg hinauf schweben, rattern immer noch die Seile entlang obwohl die Bevölkerung um die Hälfte schrumpfte. Jede Nostalgiefahrt ist kostenlos, die Bedienung der Bahnen zeigt die Solidarität zu den paar Bewohnern der Plattenbauten. Oben angekommen wirkt die Sicht in das Tal und die klare Luft erfrischend.

 

Tschiaturas Geschichte ist eine Berg und Talfahrt. Irgendwie werden die Bewohner das schon schaukeln, hoch und runter, das sind sie gewohnt. 

Geheimtipps Georgien - Bewegen in Tschiatura

Verfasst von Annalena,

11. September 2018

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