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Schwaben in Georgien

Drei Namen, viele Ansichten und eine Stadt

Schon 200 Jahre zuvor haben sich die fleißigen Schwaben im hügeligen Georgien niedergelassen.

Wie wir zufällig dort ankamen, das Künstlerkollektiv Alt-B kennengelernt haben und unser Interesse über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt Bolnissi entdeckt haben.


Bolnissi

Die Stadt liegt südwestlich von Tbilisi und wir hielten hier nur wegen unserer leeren Mägen an. Dass 200 Jahre zuvor Schwaben aus Ähnlichen Umständen dieses Städtchen gründeten erfuhren wir erst bei einem Verdauungsspaziergang.

 

An heruntergekommenen Fachwerkhäusern in der Mühlgrabenstraße sind Tafeln angebracht, auf deutsch und georgisch lesen wir von Küfern, Kaufmännern, Kindern von Aussiedlern. Alle mit Nachnahmen die uns seit dem Kindergarten begleiten, Müller, Fleig, Ruf. 

Die Straße ist belebt, ein Alter fällt auf, scheint als sei er verschmolzen mit dem morschen Holz der Dielen an denen er lehnt. Er erzählt von früher und heute, von gutem und schlechtem, von Georgiern und Deutschen.

„Gommer en guade Wei dringä?“ schmettert er uns  irgendwann auf schwäbisch entgegen. Die Weintradition Georgiens hat wohl auch die Schwaben in den Bann gezogen, wenn der sympathische Alte sogar eine Einladung zum Wein trinken auf schwäbisch auspackt.

 

Warum haben die Schwaben denn hier geschafft und Häusle gebaut und nicht Daheim? Und gibt's denn heute immer noch Deutsche hier? 

Ein Georgier erzählt uns von der ordentlichen Ausbildung zum Küfer

Retrospektive

Nachdem die Zarin Katharina die Große von Russland ihren Mann beseitigt hatte, war eine ihrer ersten Amtshandlungen 1763 ein Einladungsmanifest zu verfassen. Ausländer, vor allem Deutsche, sollten in ihr Reich kommen um Wirtschaft und Entwicklung voranzutreiben.

Deutsche kamen, wohl eher weil die ehemalige Herzogin von Holstein Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst versprach, als zur Vertretung russischer Interessen.

1800 kam es zur russischen Okkupation von Georgien, 17 Jahre später erhält Katharinas Enkel, Zar Alexander I. die Genehmigung zur Ansiedlung von Ausländern in Georgien.

Den Napoleonischen Kriegen, Hungersnöten und religiöser Unterdrückung entgehen im Kaukasus, das fanden die Schwaben verlockend und begaben sich wie andere auf die strapazenreiche Wanderung. Für das Jahr 1836 wurde außerdem die Wiederkunft Christis erwartet, möglichst nahe an der heiligen Stadt Jerusalem zu sein war auch ein Ziel der Schwaben, da der Zuzug in die heilige Stadt durch das Osmanische Reich nicht möglich war.

Angekommen im heutigen Georgien siedelten ungefähr 95 Familien in der Nähe des heutigen Bolnissi und erkrankten teilweise an Malaria. Die Gesunden forderten stur einen neuen Ansiedlungsort. Ähnlich erpicht auf ihre Meinung wie die Gegner von Stuttgart 21, mit dem Unterschied, dass sie sehr schnell bekamen was sie wollten.

1818 wurde Katharinenfeld zu Ehren der Schwester des Zahrs, Katharina, Königin von Württemberg, einige Kilometer entfernt von der ersten Siedlung gegründet.

 

Deutsche in Georgien, ein Bild aus dem Buch "Katharinenfeld"

Schwäbische Tugend und „positive“ Vorurteile

Zum zweiten Mal in Bolnissi erfahren wir mehr über Katharinenfeld. Es war die größte von 8 deutschen Kaukasussiedlungen  und angeblich wurden die Bewohner von allen geschätzt, für ihre Tatkräftigkeit, ihren grünen Daumen und sogar für ihre Wanderslust. Die Schwaben haben natürlich auch Häusle gebaut und zwar fast genau wie daheim, ein tragendes Holzgerüst, ausgefächert mit Stein von nebenan. Eine Kirche, eine Schule und Vereine wurden auch errichtet. Gute Nachbarschaft zwischen den rhythmischen Georgiern und den ordentlichen Deutschen waren eine Selbstverständlichkeit und diente zum Austausch von Sitten und Bräuchen.

Der Geiz, der wohl in der schwäbischen Natur läge, machte dem ansässigen Kaufmann zu schaffen, da sie nur Zucker und Reis bei ihm kauften, sonst machten sie ja alles selbst und weckten es für schlechte Zeiten im Gewölbekeller ein. 

Die Türken hielten die Tugenden der Deutschen 1854 nicht davon ab, nach Katharinenfeld zu marschieren, doch die schwäbische List verhinderte durch Kanonenattrappen einen Angriff. 

 

Künstlerkollektiv in Georgien - Alt-B

Konfrontiert mit vielen Vorurteilen von Sparsamkeit bis Listigkeit standen wir in einem Garten des Künstlerkollektives Alt-B, der voller Trauben, Granatäpfeln und alten Kronleuchtern hing. Ein verwilderter Rasen auf dem sich Fundstücke aus alten Häusern zu Tür- und Fensterbeeten ordneten. 

 

Die Vorurteile lasteten schwer auf uns, also begannen wir in den nächsten Tagen den Garten von alten Plastikflaschen, Zigarettenstummeln und Altkleidern zu befreien. Wahrscheinlich nur um in das Schema schwäbischer Arbeitsmoral zu passen. Anschließend waren wir auch kurzzeitig besorgt „Trashart“, also Kunst aus Müll, zunichte gemacht zu haben, das wäre sonst ein längeres Projekt geworden, Müll aus 2 Generationen ausfindig zu machen und künstlerisch in Szene zu setzen. Doch, die Sorge war unbegründet. Es war Müll und keine Kunstinstallation!

Ende der Schwabenära - jetz wird nimme Schwäbisch gschwätzt und au ko Hochdeutsch meh!

Aus Büchern, von den Alt-B Mitgliedern, wie auch von aufgeschlossenen Männern im Stadtpark wird uns die Zeit des zweiten Namens des Städtchens näher gebracht. 

Aus Katharinenfeld wurde Luxemburg. Georgien wurde 1921 sozialistisch, durch die Besetzung der roten Armee. Rosa Luxemburgs Märtyrertod wurde als Anlass des neuen Namens der deutschen Siedlung im Kaukasus genommen. Gottesdienste wurden verboten. Zu Beginn wurden deutsche Zeitungen im Kaukasus noch unterstützt, später dann auch verboten.

Die Region konnte sich zu dieser Zeit mehr als selbstversorgen. Kollektivierung hieß das Zauberwort 1931, denn nur 6 Wochen nach der Anordnung, alle Landbesitzer müssen Mitglieder der Kolchose werden, waren sie es auch. 

Manche deutsche Familien zog es dann zurück in die alte Heimat, andere blieben.

1935 war Schluss mit Deutschunterricht an der Schule in Luxemburg, im gleichen Jahr begannen Deutsche Nachts einfach zu verschwinden. Politisch Verfolgte. 

Sechs Jahre später wurden alle Deutschen verhaftet und nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Große Säuberung von Klassenfeinden aus Hitler-Deutschland. 

4193 Deutsche aus Katharinenfeld ohne georgischen Ehemann, wurden an der Verladestation gezählt. In Sondersiedlungen arbeiteten sie von nun an für die Industrialisierung der Sowjetunion bis zum umfallen. 

Einige schufteten sich zu Tode, andere blieben trotz Widrigkeiten und wieder andere kamen zurück nach Luxemburg, das seit 1944 Bolnisi heißt.

Aus alt mach neu

Heute trifft man deutsche Wörter und Anekdoten, deutsch kann man in der Schule lernen. Es gibt deutsche Nachfahren, Gedenktafeln und Bücher auf deutsch.

Die Sporthalle von Bolnissi war in Luxemburg ein Kino und in Katharinenfeld eine Kirche. 

Auf unserer Stadttour essen wir schwäbischen Schinken, der riecht, aussieht und schmeckt wie dahom und trinken Wein im Gewölbepartykeller umgeben von 200 Jahre alten Fässern. Die alten Fachwerkhäuser mit den sichtbaren Balken, den Schindeln und den filigran gearbeiteten Balkongeländern sind fast ausnahmslos bewohnt, seit dem Tag des Richtfests. Die sowjetischen Architekturüberbleibsel hingegen stehen oft leer. 

Das alte Kino, die Cafés, die Post und der Bahnhof liegen brach, doch das Künstlerkollektiv will die Scherben wegkehren, die kiffende Jugend mit Kunst volldröhnen und wieder kräftigen Kaffee ausschenken. 

Ein einbalsamiertes Haus, es ist verlassen, aber außer den Spinnweben, dem Staub und dem gährenden schlecht-verschlossenen Wein, ebenso gut bewohnt sein könnte. Ein Vakuum eines Lebens, das hier seinem Trott folgte. Bald soll es ein kleines Zeitzeugen-Museum von Alt-B beheimaten, alte Türen als Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft sozusagen. 

Heute werden Kopfsteinpflaster im Akkord verlegt um den alten Charm Katharinenfelds auferleben zu lassen und wenn genug geschafft und schwäbisch gespart wurde, dann sind auch die maroden schwäbischen Häuser an der Reihe. Im Stadtpark werden kuriose Dinge wie morgendlich exzessives Saufen und Kiffen geduldet, die Füße auf die Bank zu legen allerdings streng verboten. Diese Absurdität gefällt uns und inspiriert, genau wie die Künstler von Alt-B mit ihren verrückten Plänen.

So auch der Besitzer der deutschen Mühle, der in seinem Anwesen wohl alle Vorurteile über Deutsche stolz zu Schau stellt die es gibt. Dort finden wir auf dem Rückweg des alten Bahnhofs hochwertiges georgisches Essen, mit der Nagelschere geschnittenen Rasen, eine exquisite Weinauswahl in einer perfekt restaurierten alte, Mühle, nur den Mühlstein konnten wir nicht entdecken.

 

Drei Stadtnamen und drei Ären, die alle bis heute spürbar in diesem Städtchen in Georgien sind. Jeder Zeitabschnitt ist kontrovers und deshalb so spannend. Die zwei Aufenthalte in Bolnisi, Luxemburg und Katharienenfeld eine Reise in drei verschiedene Stadtbilder.

Verfasst von Annalena,

26. September 2018

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Kommentare: 3
  • #1

    Alexander Lender (Mittwoch, 26 September 2018 16:17)

    Wau, super Artikel. Habe mich gefreut. Meine Großeltern sind in Georgien geboren, ich dann später in Kasachstan. Heute leben wir seit 1995 in Deutschland und wie das Schicksal wohl will, haben wir uns eine Wohnung in Georgien gekauft und werden dort erstmal immer Urlaub machen. Der Kreis schließt sich wieder in Georgien. Viele deutsche die in Georgien damals geboren sind, leben jetzt hier in Heinsberg, Nähe Aachen
    und Mönchengladbach. bei Fragen einfach melden. alexanderlender@gmx.de. Wäre cool wenn man den Artikel nochmal neu aufrollt oder einen neuen verfasst. Mein Opa erzählt viel von Georgien. Die Vorfahren von meinen Großeltern kamen aus dem Schwabenland.

  • #2

    Anna Margvelashvili (Donnerstag, 27 September 2018 09:16)

    Sehr interessant. Herr Lender, fuer unsere Web-Site www.german-georgian.archiv.ge waere die Geschichte Ihrer Familie so interessant!

  • #3

    Annalena (Sonntag, 30 September 2018 11:24)

    Hallo Alexander,
    Ich freue mich immer über Feedback, vorallem wenn ein Austausch stattfinden kann. Toll, mir schwebt da soetwas wie ein Zeitzeugengespräch mit deinem Opa und auch dir vor. Ich werde mich bei dir melden und mir etwas zur Erweiterung des Artikels überlegen.
    Liebe Grüße Annalena