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Georgien - Geschichten aus dem Land

Ein Blick ins Herz Georgiens. In abgelegenen Dörfern, kleinen Städten und Projekten haben wir Dinge und Menschen entdeckt, die uns spannende Geschichten erzählten. Herzlichst empfangen von kleinen Schätzen der Vergangenheit, die uns verzauberten und auch nachdenklich stimmten.


Ich war einmal ein Kurort, prachtvoll stand ich da, viele Menschen von nah und fern kamen, die duftenden Bäder aus heißen Quellen mit allen Sinnen zu erleben. Sie schlenderten nach entspannenden Massagen durch den, mit Palmen gespickten Innenhof oder flanierten in schönen Kleidern zu Tanzveranstaltungen durch den angrenzenden Park. Ich erlebte wie diese Menschen von mir zufrieden Abschied nahmen und immer wieder kamen.

Bis ich eines Tages keinen von ihnen mehr zu Gesicht bekam. Einsam war es, ich versuchte die Haltung zu bewahren und mir nichts anmerken zu lassen. Schwelgte in süßen Erinnerungen.

Ich erkannte einige wieder als sie zu mir heraufliefen, wesensverändert. Sie nahmen all mein Inneres, nahmen es mit, zerschlugen es und grillten Schaschlik auf der Glut vergangener Zeiten. Schutt und beißender Geruch, ein Ammoniak-Rauch-Ethanol-Gemisch begrüßten nun Neuankömmlinge, anstatt von Seife, Parfüm und Blütenduft.

Regen, Schnee und Sonne veränderten mich. Es wurde stiller, Moos und Blümchen wissen meine Wenigkeit zu schätzen, wachsen behäbig, durch zerbrochene Fenster, durch Türspalten und Ritzen. Neue Keime treiben aus, zermürben mein altes Gemäuer und geben mir gleichzeitig ein Gefühl etwas wichtigem Anzugehören. Tieren biete ich bei Regen Schutz und auch ein paar Menschen sind wieder da, haben Möbel gebaut, Obst und Gemüse zwischen den Palmen im Park gepflanzt und einige Fenster repariert. Sie sind anders als jene der vergangenen Tage, doch meine bröckelnde Fassade ebenfalls.

Kurort, von Flüchtlingen bewohnt

Ich hatte 26 Schwestern. Von meinen 50 Cousinen sind nur noch ein Bruchteil in die Geschäfte verwickelt. Sie machen dreckige Geschäfte. Kommen nicht davon los. Fristen ein trauriges Dasein und warten geduldig auf bessere Tage. Vergeblich.
Wir 11 die noch übrig sind, zaubern manchem ein Lächeln ins Gesicht, anderen treiben wir Schweiß auf die Stirn und das schon immer.
Wir arbeiten in Paaren, bremsen uns aus und geben dem anderen den nötigen Schwung. 60 Jahre lang gleiten wir schon die Kabel entlang. 60 Jahre lang bringen wir Leute immer die selbe Strecke hoch und runter, hin und zurück.
In jungen Jahren strahlen wir innerlich und äußerlich, waren Vorzeigegondeln die den Leuten das Leben erleichterten und waren einmalig. Ohne uns hätten die Kumpel 6 mal solange zur Arbeit gebraucht, ganz zu schweigen von den Schulkindern auf ihrem Heimweg.
Wir sind betagte Seilbahnen, rostige Büchsen, teils ohne Fensterscheiben. Aber unsere Arbeit nehmen wir seit jeher ernst, die übrigen von uns fahren täglich gewissenhaft ihre Strecken.
Die Vorkommen im Berg sind erschöpft, meine Cousinen auch, die Absturzsicherungen marode und Löchrig, das Manganerz kommt trotzdem noch rüber-irgendwie. Sie leben seit jeher anders als meine Schwestern und ich, wir teilen trotzdem das gleiche Schicksal. Bald ist unsere Zeit abgelaufen-heißt es. Bis dahin gehen wir unserer Arbeit nach, Tag für Tag, Monat für Monat, vielleicht noch Jahre.

 

Zwischenfälle gab es in den 6 Jahrzehnten keine, ach, nur einmal, da hat meine Schwester gestreikt, geschmiert wurde sie nämlich schon lange nicht mehr, das Seil war trocken, die Passagiere strauchelten ein paar Stunden in der Luft. Danach lief alles wieder wie am Schnürchen, bis zum heutigen Tag. Wir sind alle ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit, in der die Uhren anders tickten- wer weiß wie lange noch.

Seilbahn in einer Kleinstadt Georgiens

Meine Bauherren liebten Sport und wollten dass die Sportler des Landes erfolgreich sind. Talente aus der Ganzen Sowjetunion liefen auf meinem Platz auf. Wettkämpfe, mit jubelndem Publikum, egal ob beim Schwimmen, Fußball oder Leichtathletik.
Dinamo Tiflis, ein aufsteigender Verein - damals.
Die Kommentatoren brüllten in die Mikrofone, sodass der ganze Bezirk wusste wie viel es steht, ohne Eintritt bezahlt zu haben.
Ich weiß es noch ganz genau, die kratzigen Boxen wummerten noch Minuten nach dem die Stimme schon versiegt war und die Freudetrunkenen und Tiefenttäuschten nach Hause wankten. Den Sprechchören horchte ich noch lange nach Spiel- oder Wettkampfende. Frauen und Männer, Kinder und Großeltern feierten gleichermaßen den Sieg und ärgerten sich im selben Ausmaß. Egal wie die Stimmung im Land war, Sport war und ist unpolitisch, brüderlich, einend.
Fußballer kicken hier noch, mit weniger Zuschauern, dafür auf renovierten Rängen und mit weniger Erfolg, Leichtathleten trainieren, geschwommen wird nicht mehr. Die anderen versuchen den Kopf über Wasser zuhalten.
Die alte Schwimmhalle in meinem Bauch ist lange leergepumpt. Wasser fließt jetzt nur noch aus Hähnen, aus welchen sich Technoliebhaber die Hände und schwitzigen Gesichter in genderfreien Toiletten waschen. Die alten, grellen Deckenstrahler, die das Wasser glänzen ließen, wurden gegen Stroboskope und teuere Lichttechnik getauscht. Herkömmliche Lichter strahlen nur für die Putzmannschaft, die immer auf den Sieg gegen leere Flaschen, Kippenstummel und klebrigen Boden, wetten kann.
Wenn der Bass dröhnt denke ich an früher. Ob grölendes Publikum oder schallende Musik, das macht für mich keinen Unterschied. Hauptsache es ist was los und ich bin mittendrin.
Die Zeit alleine war die schlimmste, da stand ich protzig da und keiner konnte was mit mir anfangen. Jetzt fühl mich wieder dynamisch, wie damals. Die Leute kommen, feiern und gehen, genau wie früher nur aus anderem Interesse.
Wer weiß was noch kommt, in meiner Schwimmhalle waren DJs aus der ganzen Welt und davor Schwimmlegenden. Was will ich mehr?
Ich mache dem Berghain in Berlin Konkurrenz, heißt es, mein Ehrgeiz ist geweckt, mal sehen was die nächsten Jahre so läuft.

 

Hier kursiert ein Gerücht, dass auch Techno unpolitisch, brüderlich und einend sein soll.

Dinamo Stadion / Bassiani

Ich hab mich einer Verjüngungskur unterzogen. Heute tummeln sich hier Individualisten, Künstler, Hipster, junge Menschen die einer Art Bewegung angehören. Früher arbeiteten in meinen Räumen hauptsächlich Frauen, deren Eltern der Arbeiterbewegung zugehörig waren. Genäht wurde hier im Schichtbetrieb. Ratternde Maschinen und flinke Hände tagein tagaus. Effizienz war das Zauberwort. Damals gab es sättigendes Kantinenessen, so war die Akkordarbeit zu stemmen. Jetzt sind im Innenhof vegane Cafés, Japanische Suppen und seitenlange Getränkekarten täglich Brot.
Ade Einheit, willkommen in der Fabrik für die Alternativen.
Der Zeitgeist wandelt sich. Zuerst war ich viel besucht und hoch geschätzt, danach war ich Nahe dem Verfall, wurde neulich verschiedenen Maßnahmen unterzogen. Umbau, Neugestaltung, Renovierung, kurz gesagt ein Facelift. Am Eingang zum größten Hostel der Stadt, das ich beherberge, zeigt nur noch eine Steinplatte der Arbeiterrevolution von meiner sozialistischen Vergangenheit. Mahnmal oder nicht, es gehört dazu, zur Szene der Individuellen, genau wie die alten Nähmaschinen die gemeinsam mit Streetart meinen neuen Charme ausmachen - Industrial, der die Welt in meinem Hof zusammenbringt. Ich bin up to date, so wie früher Akkordarbeit in großen Fabriken en Vogue war, sind es heute co-workingspaces und Sitzgelegenheiten aus alten Paletten. Work-Life-Balance, die Parole meines neuen Ichs. Zuerst wurde in meinem inneren Schweiß und Blut vergossen, jetzt kreativ gebrainstormed und neue Statements gesetzt.

 Ich bin recycelt, upgecycelt und immernoch irgendwie die Alte.

Fabrika, eine alte Fabrik

Danke lieber Vogel, für dessen Verdauungstrakt ich vor über drei Jahrzehnten unbrauchbar war. Danke liebe Sonne, für die ersten Frühlingsstrahlen. Danke lieber Fluss der du meine Wurzeln tränkst. Und danke lieber Wind, dass du pünktlich meine Herbstblätter nach unten wiegst. Als ich austrieb gehörte ich keinem. Ich bekam was ich brauchte um süße Früchte zu geben. Den Vögeln und den Menschen, auch den Ameisen und zuguterletzt der Erde die so fruchtbar war. Später bekam ich Nachbarn, ganz freundliche Zeitgenossen die andere Früchte trugen. Immer häufiger wurde über unseren Ertrag gesprochen. Sie verfielen in Streit und Neid, wer wohl der Beste sei. Ich schwieg lange, lange Zeit. Die Sonne, der Fluss, der Wind wie auch Tier und Mensch genügten mir. Gut hab ich daran getan zu leben wie bisher. Einigen der Nachbarn drohte die Vollstreckung, zu wenig Ertrag. Manche von ihnen erholten sich nicht und wurden verbrannt. Wir anderen hatten nun mehr Licht für unsere Früchte und bekamen mehr vom langersehnten Regen.
Viele Kinder pflücken das süße Obst, deren Großeltern ich auch schon meinen Stolz überließ. Mein Gedächtnis reicht zurück bis zum ersten Tag. Von Ertrag sprach irgendwann keiner mehr. Die Nachbarschaft atmete auf und die Rivalitäten wurden beiseite gelegt. Wieder zogen die Jahreszeiten vorüber in denen alles so blieb wie es war und ich sogar über das Herbstwetter plauschte statt zu schweigen.
Es trug sich zu, dass einige niedergemacht wurden auf unserer Wiese. Ein Zaun wurde gezogen, er trennt die einen von den anderen Bäumen. Ein Mann kam herbei, lehnte sich an meinen Stamm und weinte. Er flüsterte wir seien doch sein einziges Hab und Gut, wir gehörten doch ihm. Er bräuchte uns alle, nicht nur die Hälfte! Doch jenseits der Administrative Boundery Line könne er keine Ernte einholen.
Seit er ein kleiner Junge war kam er hier vorbei und nahm was ihm gefiel, ich gab es ihm gern, weil er sich wirklich freute. So viele Jahre haben wir voneinander profitiert und jetzt will er uns besitzen. Er hat doch genug Obst, soviel wie er braucht.
Es brach ein nie dagewesener Konflikt in der Nachbarschaft aus, über Besitz, Zusammengehörigkeit und Freiheit. Über Grenze oder Administrative Boundery Line. Ein verheerender Machtkampf über die bessere Seite des Zauns, schrecklicher als der Ertragsstreit von damals und viel Folgenreicher. Wir alle leiden, tragen weniger Früchte, dazu sind noch einige von Schädlingen befallen. Nichts ist mehr wie früher, außer die Sonne, der Fluss und der Wind.

ein Baum, irgendwo an der Südossetischen Grenze

Verfasst von Annalena,

21. August 2018

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