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Ich will Fleisch - Der Kaukasus bei Nacht

Wenn wir mal wieder dumm in der Gegend stehen: Braucht ihr was?
Die Frage mag schon vielen Reisenden vorgekommen sein. Besonders im Kaukasus sind wir derzeit erstaunt von der Gastfreundschaft. Wildfremde Leute laden dich zum Abendessen ein und sind wie deine Familie. Trotz meiner Skepsis bin ich baff - da stimmt doch was nicht!
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Geisterstadt, Foto von Annalena

Irgendwo im Kaukasus

Fährst du durch den Kaukasus hast du die Wahl, du nimmst die wichtigen Straßen, die sind heutzutage zu 95% in super Zustand, und kommst nur an wichtige Orte oder du fährst einfach so durch die Gebirge, wackelig, langsam, aber verdammt wunderschön.

Die Berge präsentieren sich in vielen Gesichtern, mal trocken und voller Stacheln wie in Portugal und manchmal wie dahoam: feucht und fröhlich. Die faszinierendsten Ausblicke bieten die unzähligen Bergseen, die je nach politischem Regime, zwischen mehreren Metern in der Höhe wandern. ⚡⚡⚡

Vor einem Haus

Eigentlich wollten wir nur umdrehen, die Straße wurde wieder eng, es gab nur allradbetriebenen Gegenverkehr und unsere Kiste fing wieder an zu taumeln wie ein Betrunkener auf dem morgendlichen Heimweg. Also Hof anvisiert, draufgefahren, Anna zum Gucken ans Heck geschickt und wer kommt da. Die Besitzer. Drei Frauen fahren neben uns mit Allradfahrzeug auf den Hof, scheu wie Rehe, gewohnt aus Deutschland, erwarten wir natürlich verärgertes und doch höflich verpacktes Hinterfragen was zur Hölle wir hier wollen.

„Hallo!“, donnert es uns entgegen. Eine Minute später stehen wir im Garten, pflücken pestizidfreie Tomaten und sitzen auch schon an einem vollgepackten Tisch und trinken Kaffee. Die Gastgeber müssen weiter, wir dürfen jedoch bleiben und die Waschmaschine benutzen. Selbstverständlich.

„Geil!“, denken wir, da bleibt uns das stundenlange von Hand waschen schon mal erspart.

„Ich will Fleisch!“

„Braucht ihr was?“

Die Frage hören wir gefühlt ständig. Sitzen wir wie Obdachlose wieder am Straßenrand oder stehen wieder mal einfach nur am Auto rum. Die Freundlichkeit kennt keine Grenzen, so auch mein Selbstversuch.

Was kann man eigentlich wirklich bekommen? Ob Ersatzteil fürs Auto, einen Kaffee oder auch nur die Antwort wo denn der nächste Tierarzt sei. Probiert habe ich schon vieles, bisher wurde auch alles bejaht, egal ob exotisches Mietfahrzeug oder Schweißarbeiten an meinem Ofen. Nur die Ausführung wurde nicht immer in die Realität umgesetzt. Vor allem nicht, wenn der Satz "in 5 Minuten" enthielt.

 

Also sitzen wir nun am Haus auf dem Balkon, der Bruder Artem kommt, er bringt eine Fahne mit, ich lade ihn zum Wein ein. Er sagt: „Klar, warum nicht?“

Flasche war leer, der alkoholische Tatendrang geweckt:

„Ich will Fleisch!“, beantworte ich die gefloskelte Frage was ich denn möchte. Im Nu begeben wir uns auf die düstere Straße ums Haus, kein Mensch weit und breit, jedoch 2 Männer und 1 Ziel: Ran an den Speck!

Endlich mal wieder bisschen Adrenalin

Paar Meter weiter bleibt direkt eine schwarze Karre neben uns stehen, sieht bisschen aus wie der Schlitten von David Hasselhoff 1982, Artem macht die Tür auf, ich mach es ihm nach. Plötzlich brettert der junge Mann durchs Dorf, gefühlt viel zu schnell brausen die schlecht beleuchteten Betonzäune an mir vorbei. Immer wieder wackelt mein Körper vor und zurück, vor den toten Polizisten hat der Fahrer doch etwas Respekt, so gut ist das Fahrwerk dann auch nicht. Dann steigt noch Jemand ein, mit seinem starken Auftreten nimmt er natürlich den vorderen Sitzplatz. Mit den breiten Schultern, den kräftigen Händen und seiner dirigierenden Art ist er mir gleich sympathisch. Irgendwie auch beängstigend, doch das nehme ich gerne hin. Er war immer wieder mal in Moskau, zum Arbeiten und so. Mit ihm spreche ich die selbe Sprache und von nun an leitet er den Abend. 

Die flache Antwort, dass ich einfach Fleisch will, findet Begeisterung. Also erkläre ich dem Chauffeur wir müssen erstmal zum Geldautomaten, er verweist mich auf ein Getränk unter dem Sitz und gibt wieder Gas. 

Mit einer Bierflasche in der Hand, lautem House und minimalem Ausblick aus den zu stark getönten Scheiben genieße ich die Freiheit. Plötzlich zwickt mich was im Arm, ich höre eine gedämpfte Stimme: „Alter, die sind nicht gut, pass auf, die sind nicht gut.“ Puhhh. Krass. 

Ein bisschen mulmig wird mir jetzt schon. Was mach ich nun? „Ääähm, sorry, ähm, ich muss aufs Klo, können wir bitte einfach nach Hause?“ Ach, scheiß drauf probiere ich mir einzureden. Der Fahrer ist ein militarisierter Testpilot, der Beifahrer könnte Bären verschlingen und mein Sitznachbar deutet verängstigt nach vorne und zwickt mir in den Arm. 

Natürlich entscheide ich mich für das einzig Sinnvolle in der Situation. Ich frage provokant ob er nicht lauter machen könnte, ziehe einen Zug an meiner Zigarette und probiere meinen Nachbarn zu beruhigen. „Das ist ja eine super Gang!“, freue ich mich jetzt schon über diese Nacht. 

Grillen nach junger, kaukasischer Art

Also landen wir vorm Geldautomaten, dann vor dem Laden, das Fleisch sieht nicht gut aus, auf zum Nächsten. Ich hab keine Ahnung wo wir sind. Ist mir auch grad egal, ich folge einfach meinem Trieb. Immer wieder sitzen wir im Auto, rasen zum nächsten Licht, halten an, Kippe und Bier zur Seite, rein in den Laden, raus. Irgendwann haben wir dann alles elementare für eine solche Nacht zusammen:

Fleisch und Wodka

 

Im nächsten Augenblick hält das Auto wieder an, einer steigt aus, macht das Stahltor auf, wir fahren bis zum Haus. Das Haus von diesem so miesen, fiesen Boss. Er läuft umher, bereitet alles vor, ich lauf mit Artem über die Straße zum nächsten Haus, ich sehe unseren Bus und bin beruhigt, im Notfall weiss ich jetzt wohin ich rennen kann. Er öffnet ein Stahltor indem er mit der Hand durch das Loch im Blech fasst, ich beobachte seine Fingerspitzen ganz genau, ein kräftiges Bügelschloss bewacht die Bewegung der Scharniere, doch der Schlüssel steckt, Artem bringt gekonnt den Zylinder in Bewegung und öffnet sanft das Tor.

„Krass,“, schießt mir in diesem Moment durch den Kopf„das typische für den Kaukasus ist ja die komplexe Rangordnung der Familienhierarchien. Schwelgen wir in Deutschland mit Paragraphen durch die Ortsmitte und berufen uns bei Streitigkeiten auf die entsprechenden Gesetze, welche wir mit viel Diskussion und durchdachter Zivilisation in Schrift und Glaubwürdigkeit geprüft und vermarktet haben, läuft das hier immer noch ein wenig anders. Startest du Projekte, nach Gesetz und Pipapo, kann das kurzfristig zu großem Erfolg führen. Doch kann es auch verdammt gut sein, dass Mister X aus Familie Y ein Problem damit hat, mag es wegen zu sehr rebellischer Jugendkultur, wegen zu viel nackter Haut oder einfach wegen einer Laune sein, das kriegst du meistens gar nicht mit, dass du es einfach nicht mehr machen darfst. Aus.

Deshalb gehen wohl viele Projekte einfach so den Bach runter, ohne offensichtlicher Begründung, ohne Diskussion, ohne möglichen Kampf. Einfach nur wegen klassischen Familienstrukturen. Naja, cool ist ja, dass durch diese Familienstrukturen viele Türen offen stehen und brüderlich geteilt wird, ob jetzt die Waschmaschinen von unseren Gastgebern oder das Tor zum Grill.“

Wir stehen also vor einer kleinen Villa mit Rundbögen und so. Fast fertiggestellt und echt schick, aber mir egal, ihr wisst ja: Ich will Fleisch. 

Wir nehmen also so ein Stahlrechteck mit vier 10cm hohen Beinchen mit. Keine Ahnung was man damit macht. Sieht aber aus, wie wenn der Stahl schon mal mit Feuer in Berührung kam, komm ich jetzt etwa näher zu meinem Ziel?  Wieder zurück im Hof entdecke ich ne Stahlplatte auf dem Boden, wir holen einen großen Bund Äste aus dem überdachten Gartenbereich, Durchmesser zwischen 1-7cm, Länge bis zu 120cm. Wir legen das Gestrüpp zwischen den vorher geholten, rechteckigen Rahmen auf das Blech, mit etwas Papier zündeln wir am trockenen Holz, innerhalb weniger Augenblicke ein riesiges Feuer vor unseren Augen. Du kennst das Gefühl, ein warmes Gefühl, ein schönes Gefühl und vor allem, ja, ich komme meinem Ziel näher. Ich läute dreist die nächste Runde Wodka ein, der Gastgeber freut sich. Wir trinken gekonnt, er grillt gekonnt, das betone ich natürlich mehrmals während er scharf wie ein Tiger auf den im Boden installierten Mangal blickt und wie aus dem Handgelenk die Schampuri mit den riesigen Steaks in Drehung bringt. Ich liebe es, wenn Leute ihr Handwerk verstehen. Was ich im Kaukasus auf jeden Fall lernen konnte, nette Worte zu deinem Gegenüber bringen dich nicht um. 

Nach Hause torkeln wir!

Der Geruch von gegrilltem Fleisch liegt endlich über dem Hof, der präzise Blick des Feuermachers wandelt sich zu einem breiten Grinsen. Er kommt! Mit einer großen Schale, welche bedeckt mit Lawasch und gefüllt mit zartem Fleisch zum Tische gleitet. Jeder nimmt sein Stück, barbarisch wie ich es liebe. Gegessen wird mit den Händen und dem Brot. Wer will knabbert noch ein bisschen scharfe Paprika und jeder trinkt die 4cl befüllten Gläser. Nach bisher gelernter Tradition kommen auch hier die liebevollen Trinksprüche, die mich auch in der alternativsten Umgebung bisher heimgesucht haben, nicht zu kurz. Selbstverständlich kommt der Gastgeber noch mit leckeren Äpfeln und weltweit geliebter Räucherware. Artem ist jetzt endlich auch glücklich. Der Arme.

Ich wache morgens auf, zum Glück in meinem Bus, neben meiner wundervollen Frau, mit einem erleichterten Grinsen und einem breiten Schädel, über den ich mich echt wundere, dass er durch unsere schmale Eingangstür gepasst hat.


Selbstversuch hin oder her, eine klare Aussage zu einer einfachen Frage und die Überzeugung etwas zu erreichen, bewegt die Nacht. Egal ob es Fleisch oder Fallschirmspringen ist, der Kaukasus wird dich mit unglaublich viel Zeit, mediterraner Lässigkeit und herzlichster Freundlichkeit empfangen, ob du dran glaubst oder nicht, das bleibt deine Realität. 

Verfasst von Waldemar,

02. Oktober 2018

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