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Milchtrinker und ein Bergdorf, mit Hang zur Tradition

Berge im Kaukasus - Aserbaidschan Natur

Zwei einzigartige Dörfer, die uns in ihren eigentümlichen Bann ziehen. Wie Forscher die ein letztes Geschöpf einer eigentlich ausgestorbenen Art entdecken, glaubten wir zuerst nicht was wir in Ivanovka und Lahic gesehen und erfahren haben.

Die Zeit ist in den beiden aserbaidschanischen Gegenden stehengeblieben.

Iwanowka

Ein Dorf, gegründet von Vertriebenen Molokanen aus Russland. Zu Zeiten Tschechows war klar wer diese Molokanen sind, vertriebene Gläubige, die Kirchen und Taufe ablehnen und verbannt aus den Zentren des zaristischen Reiches im Kaukasus Zuflucht suchten.

Schon seit 1834 sind die Bewohner kleine Widersacher. Angefangen bei der Milch die sie in der Fastenzeit zu sich nehmen, entgegen des orthodoxen Fastenbrauches, Vishnu zum Fortbestand einer Kolchose, bis heute.

Auf dem Weg nach Ivanovka in der Region Ismailli, begeistert mich diese sture Lebensart, die an Prinzipien festzuhalten scheint.

[Nicht nur Schriftsteller wie Tolstoi und Puschkin ließen sich von Land und den kämpferischen Leuten im Kaukasus verzaubern. Diese Magie gibt es heute auch noch.]

Timetravel in Ivanovka - Azerbaijan - Back to Soviets CCCP

Kiosk in Iwanowka

„Ah, ihr wollt ins Russendorf.“,

nickten die Azeris bei unserer Ankunft. Kaum angekommen, überraschten uns unsere Ohren. Die vorwiegend blonden Gestalten in schicken Anzügen oder langen dunklen Röcken sprechen Russisch. Ein Klischee, dass sich nach weniger als einer halben Stunde bewahrheitete.

Überraschend viele Menschen tummeln sich auf den Straßen des Dorfes. Wir erfahren von der Erntedanksprozession, zu welcher Familienmitglieder von überallher anreisen.

Je länger man durch die mal mehr mal weniger matschigen Straßen spaziert, desto deutlicher wird der Ausflug in die Vergangenheit. Ein Kiosk wie aus den 50ern mit genauso alter rostiger Waage im Schaufenster, eingerahmt von babyblauer Wandfarbe, markiert das Eingangsportal in eine andere Zeit.

Männer mit dunklen Mänteln und Hüten geben meiner Fantasie jetzt letztendlich den Rest.

Schiefer Bart und eine leere Kantine

Wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch Speisen wie früher, gegenüber des Parkplatzes der Kolchosenfahrzeuge.

Borschtsch, meine russische Rote Beete-Lieblingssuppe und Kotleti, russische Frikadellen bei denen Brot beigemischt wird um zu sparen, sind ganz in Ordnung. Des Charm dieser Lokalität unübertrefflich, da die Damen hinter ihrer Scheibe etwas davon verstehe , uns so zu behandeln als wäre Hochbetrieb in der Kolchosenmittagspause. Sehr authentisch, nur dass wir die einzigen Hungrigen weit und breit sind.

Waldemar gönnt sich beim Frisör nebenan eine neue Frisur, plus Rasur. Ein alter Frisörsessel, ein angelaufener Spiegel und der kleine Gussofen sind Zeugen der Zeit. Der elegante ältere Herr hantiert gekonnt mit Messer und Schere, während ihn Lenin ununterbrochen anstarrt. Der alte Regierungschef, auf der eingerahmten Urkunde bezeugt das Können des Meisters. Dass die kommunistischen Zeiten vorbei sind, wird uns bewusst, als wir den schiefen Bart betrachten, der gerade mit 5 Parfümspritzern fertiggestellt wurde.

Oldschool Barbier in Ivanovka Azerbaijan

Besuch beim Retro-Friseursalon Ivanovkas

Die Zeiten ändern sich

Früher war die gut funktionierende Kolchose Iwanowkas ein Vorzeigeprojekt der UdSSR, heute wirft sie nicht mehr so viel Gewinn ab wie damals und trotzdem sind die Bewohner stolz auf ihre Einzigartigkeit und Stärke.

Die Produkte aus der Kolchose sind in großen Supermärkten wie in kleinen Kiosken in ganz Aserbaidschan zu finden und sehr beliebt, was die Ivanovkaner mit Stolz erfüllt.

Leckerer Honig, frischer Joghurt und Eingelegtes wird von vielen privat verkauft, um ein wenig mehr zu verdienen.

Wir erfahren, von einer Molokanin, dass sich vieles geändert hat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion: die Kinder ziehen fort, viele nach Russland. Dort leben sie die alten Molokanen-Tradition zum Leid der Eltern nicht. Die Kolchose ist auch nicht das was sie einmal war, eher ein vergeblicher Versuch nicht sagen zu müssen „früher war alles besser“, sondern „hier ist alles so wie früher.“

Wir haben mal wieder vieles mitgenommen:

Bauchweh von den Kotleti, leckersten Honig, hilfsbereite Bewohner die kein Blatt vor den Mund nehmen und die Gewissheit, dass alles möglich ist.

Lahic

In dem Tal zwischen hohen Bergen wurden damals viele Pflastersteine verlegt, die die Gassen so unglaublich charmant machen. Die gefährliche und zauberhafte Straße die in das Bergdorf führt, macht die Ankunft noch erleichternder.

Straße in Lahic, Aserbaidschan, Kunsthandwerker

Lahic - Straßenbild

Vom Aussterben bedroht

Dem kleinen Dorf hat die traditionsbewusste Ausübung vor allem von Kupferunikaten zu einem gewissen Ruhm verholfen. Jeder im Land kennt das Dorf und das Handwerksgeschick.

Die jahrzehntelange Abgeschiedenheit, verhalf zu einem eigenen persisch-azerischen Dialekt und zu einer Architektur, die viele andere alte Dörfer in den Schatten stellt. Lahidsch war schon Kulisse mehrerer Filmproduktionen und abertausenden von Selfies.

Authentische Künstler und geborene Schauspieler

Die Gassen zwischen dem sehenswerten Museum in der Moschee und dem ersten Haus des Dorfes sind gespickt mit schönen Trinkwasserbrunnen und Handwerkern.

Socken, Leder, Felle, Mützen, Keramiken und vorallem Metallarbeiten sind zu finden.

Ein weißhaariger Mann der Werkzeug für die anderen Handwerker im Dorf schmiedet ist mit Asche bedeckt und dennoch mit schickem Hemd unter dem schweren Lederschurz bekleidet. Die düstere einfenstrige Werkstatt ist an vielen kleinen Stellen rosa erleuchtet, die Glut glimmt überall vor sich hin. Teppichverkäufer hocken teetrinkend auf ihrer Ware und nebenan Preisen verkleidete Männer ihre Fotokünste an. Fellmützen, Kleider und Westen aus Polyester sollen vor Tontöpfen und Plastikblumen hinter jeder dritten Tür die traditionelle Lebensweise verdeutlichen. Die Konkurrenz ist groß und die lautstarken Überredungskünste weniger verlockend, Fellmütze im Sommer? Oder schwitzen im Plastikkleid? Muss nicht sein.Wir schauen lieber den Kupferkünstlern zu deren rythmische Hammerschläge durchs ganze Dorf zu hören sind

Aus alt mach neu

Überall Krimskrams aus Metall und eine tote Katze an der Wand. Rostig, grün oxidiert oder Silber glänzend, hinter der schlichten Holztür verstecken sich kleine Schätze. Eine olle Schale, reinigt, poliert und klopft der Chef für mich zurecht.

Video zu Ehren der Kunsthandwerker in Lahic, Aserbaidschan

Nicht alle lieben hier ihre Arbeit so sehr wie er, der Gewürzhändler und der Schmied. Leider, klopfen einige Männer auf Metall herum nur damit sie uns suggerieren, zu arbeiten, dabei sind ihre Waren aus türkischer Massenproduktion und total überteuert.

Auch wenn es Schauspieler gibt, die sich hinter den Klopfgeräuschen kleiner Hämmerchen verstecken, ist Lahidsch zum schlendern, wandern und um Handwerkskünstler zu beobachten ideal.

See in Jermuk, Herbstidylle, Herbst, Armenien, Dschermuk

Verfasst von Annalena,

08. Dezember 2018

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