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Kulturzentrum für alle

Heydar Aliev Center Baku - Geschlossener Haupteingang

Eine Zivilisation braucht ein Kulturzentrum.

Erste Bibliotheken fanden sich in Tempelanlagen bei den Sumerern in Mesopotamia, dem heutigen Irak. Die Ägypter haben vor 4000 Jahren Theaterstücke zu Ehren von Osiris aufgeführt. Die Griechen folgten 1500 Jahre später mit ersten Festivals und die Perser hatten im 5. Jahrhundert vor Christus die ersten theaterähnlichen Aufführungen zu Ehren ihrer Krieger und Legenden.

Natürlicherweise ist hier der passende Raum notwendig und so zerbeißen sich auch heute noch die Planer ihre Zähne an dieser, sagen wir, sehr anspruchsvollen Aufgabe.

In diesem Artikel werde ich das Stavros Niarchos Foundation Cultural Center von dem Renzo Piano Building Workshop und Betaplan mit dem Heydar Aliyev Center von Zaha Hadid vergleichen und dir damit einen Einblick in diese Meisterwerke ermöglichen.

Das äußere Erscheinungsbild:

Heydar Aliev Center Baku - Park

Heydar Aliev Center in Baku

Ist die Formensprache im ersten Augenblick komplett unterschiedlich ähneln sich die Bauten jedoch bei der weit ausladenden Geste, welche auch mit einem Schloss verwechselt werden könnte. Die Fronten werden von einem durchdachten Garten mit Wasserspielen und künstlich angelegten Bäumen, Blumen und Pflanzen präsentiert. Dies gibt dem jeweiligen Gebäude den Platz zum Wirken, den es braucht, denn beide Kulturzentren probieren möglichst zentral zu sein und sind damit umzingelt von Büros, Wohnbauten und Autobahn. Gekonnt schaffen es beide Bauten sich mit den Wegen zu vereinen und so merkt man gar nicht, dass die Füße sich schon auf dem Dach befinden.

 

Bei dem Heydar Aliyev Center in Baku erkennen wir die für das Büro von Zaha Hadid typische flüssige Form, welche eingefroren zu sein scheint. Die Eingänge, das Interieur und die Landschaft um das Gebäude sind eng verschmolzen mit der Fassade, welche aus tausenden Glasfaserplatten den Stahlbetonkern schützt. Wer genau hinsieht erkennt einen materiellen Unterschied zwischen den begehbaren Platten und der Wandverkleidung.

Geschichtlich ist Baku der islamischen Architektur zuzuordnen, auch hier bedienen sich die Architekten mit unendlich wirkenden Reihen, Säulensequenzen und ununterbrochener kalligrafischer und ornamentaler Kunst von der Wand zur Decke und Kuppel.

 

Den ersten Kontakt mit der Architektur von Zaha Hadid hatte ich in Weil am Rhein, dort steht die  Feuerwache auf dem Vitra Gelände, hier hatte die Designerin etliche Ingenieure schon in den 90ern zur Verzweiflung gebracht und das Gebäude konnte erst Jahre nach dem Entwurf fertiggestellt werden, selbst dann waren noch ein paar Stützen im Weg, wie die Architektin verärgert meinte.

 

Heydar Aliev Center Baku - Strassenbild

Straßenbild Baku

Heydar Aliev Center Baku - Fassade und Boden - Materialunterschied

Fassade und Boden - Materialunterschied

Schauen wir nun nach Athen

in das Stavros Niarchos Foundation Cultural Center von Renzo Piano und Betaplan, sehen wir von der Seite eine riesige Betonrampe welche aus der Stadt zur Seeseite hin den Besucher unbemerkt über einen ausgeklügelten, grünen Park auf das Dach befördert. Ein filigranes Kanope türmt sich auf dem Teil der Oper und gibt mit der Stützenform und der schlanken Ausführung ein Gefühl dass die Akropolis endlich gekonnt reinterpretiert und nicht nur kopiert wurde. Weil das nicht genug ist, beinhaltet das Dächle auch noch 10.000 m² Photovoltaik-Paneele, welche bei der mediterranen Sonne bis zu 1,5 MW Strom produzieren und damit für den eigenen Betrieb ausreichen.

 

Das renommierte Architekturbüro hat viele starke Entwürfe entwickelt und so möchte ich in diesem Zusammenhang das Jean-Marie Tjibao Cultural Center in Neu-Kaledonien erwähnen. Dieses wurde zur Aufrechterhaltung der traditionellen Kanak-Kultur dieser Insel errichtet und bietet Platz für Veranstaltungen, Ausstellungen und diverse Kulturschulen. Fertiggestellt wurde es 1998 und es hat ebenfalls geschafft, die bisherige Kultur wertzuschätzen und weiterzudenken.

Ob es nun eine Reinterpretation der Agora oder ein Weiterdenken der Kanak-Bauten ist, fasziniert mich dieser Renzo Piano Building Workshop mit seiner treffenden Architektur.

Stavros Niarchos Foundation Cultural Center in Athen - Großes Wasserbecken vor dem Haupteingang

Der Innenraum

Technisch sind beide Gebäude natürlich absolut ausgeklügelt. Perfekte Akustik und hochwertige Materialien erscheinen als selbstverständlich. Hier haben viele motivierte Fachplaner mitgearbeitet.

Ausstellungen, Opern, Konferenzräume, einen kleinen Shop und ein Café finden sich in beiden Kulturzentren. Doch leider fehlt die Bibliothek im Heydar Aliev Center.

Öffnet sich das SNFCC von drei Seiten für den Besucher und nimmt einen fast unbemerkt auf, so scheint das Zentrum in Baku eher wie die dort herrschende Politik zu sein. Es ist schwierig zu durchblicken wo man eigentlich reinkommt und dann wurden wir beim ersten spontanen Besuch nicht mal reingelassen, da eine geschlossene Verantstaltung stattfand.

 

Das Kulturzentrum von Zaha Hadid ist auf seine Art und Weise absolut faszinierend. Nach der Sicherheitskontrolle durch einen Metalldetektor und drei Sicherheitsbeamten darf der Innenraum betreten werden. Dieser präsentiert sich gleich von seiner schönsten Seite. Zur Rechten erstreckt sich ein langer Schlauch der elegant am Café vorbei zum Foyer vor der Opernhalle führt und in einem enganliegenden Garten endet.

Nach vorne hin erstrecken sich die 7 Obergeschosse welche zur Eingangshalle hin stets offen sind und über eine sehr weiche Treppe erklommen werden können.

Die Treppen in das 1. Obergeschoss könnten nicht ausgeschmückter sein, so sind sie kompromisslos mit der Wand verschmolzen um zu jedem Preis die organische Form beizubehalten. Mich erinnert das ans Skateboardfahren, so nutzen meine Tochter und ich natürlich die einmalige Gelegenheit und probieren die Quarterpipe so hoch wie möglich zu erklimmen und mit Tempo runterzurutschen, bis wir darauf hingewiesen werden, dass das so nicht vorgesehen ist.

Die Sichtachsen könnten kaum radikaler sein und es scheint, als habe man mit den Augen den Raum verbogen um möglichst zu jeder Himmelsrichtung einen Ausblick zu erhaschen. Die 7 Ausstellungsebenen bekommen eine verhältnismäßig geringe Priorität, da die Architektur ja leider doch irgendwie stapelbare Funktion in das Gebäude bringen musste. Da diese jedoch nicht ausgereicht haben, hat einer der Aussteller kurzerhand auf einer innenliegenden Ebene einen Kubus errichtet um in einem rechtwinkligen und dunklen Raum seine Werke präsentieren zu können, ganz zum Leid der fließenden Formensprache Zaha Hadids.

Innenraum Heydar Aliev Center in Baku

Innenraum Heydar Aliev Center in Baku

Egal wo du nun herkommst, das Kulturzentrum in Athen steht für dich offen, von 06oo Uhr bis 24oo Uhr. Über einen gläsernen Mitteltrakt wird das Gebäude in 2 geteilt, der Veranstaltungsbereich und der Lernbereich. In der Mitte befindet sich praktischerweise ein kleines Restaurant und ein bunt durchmischter Kulturladen. Der Lernort bietet Platz für abertausende Bücher, einen modernen Kinderspiele- und -lesebereich, öffentlichen Computern, Zeitungen, Sitzecken zum Quatschen, Ruhebereiche zum Lernen und Forschen, Zimmer für Yoga und Computerkurse. Der Raum präsentiert sich offen mit einer Glasfassade und schwebenden Geschossen, um die Bücher in erreichbare Höhe zu bringen und viel Platz für Funktion zu schaffen.

Die horizontalen Ebenen hegen einen weiten Abstand zur freistehenden Glasfassade, so birgt das Gebäude ungestörte Blicke über alle Geschosse und bleibt schön leicht.

Zum Trotz der kubischen Formen brechen die Innenarchitekten die Strenge mit knalligen Farben und weichen Sitzgelegenheiten gekonnt auf.

Die vertikale Erschließung funktioniert über die zentrale Treppe im Vestibül oder die gläsernen Aufzüge, welche dich bei Bedarf auch direkt aufs Dach katapultieren, wo du dich windgeschützt und mit Meeresblick aufhalten kannst.

Die Nutzung

Ein Kulturzentrum bietet Raum. Raum für die Menschen. Raum für Ideen.

Ist es in einem Dorf das flexibel genutzte Gemeindehaus, kann es in einer strenggläubigen Gemeinschaft auch nur die Moschee sein. Zivilisationen bringen spezielle Bedürfnisse hervor und ein elementares Bedürfnis ist die Weiterentwicklung von und die Teilhabe an Kultur.

 

Das Heydar Aliyev Center bietet die Möglichkeit eine atemberaubende Oper und die wirklich gelungenen Ausstellungen zu besuchen. So gibt es handgefertigte Puppen und Kleider aus aller Welt, einen ethnologischen Überblick Aserbaidschans und natürlich eine perfekt inszenierte Ausstellung zum Namensvetter des Zentrums, welcher 1969 bis 1982 der erste Sekretär des Sowjet-Aserbaidschans und danach der Präsident von 1993 bis 2003 (sein Nachfolger ist sein Sohn) war. Ein bisschen begeistert war ich dann schon von Herr Aliyev, doch haben mich die kritischen Bewohner des Landes direkt gewarnt, er ist nicht unbedingt ganz so perfekt.

Die Nutzung beschränkt sich auf kurze Öffnungszeiten, geschlossene Veranstaltungen und einem dekorativen Park, welcher nicht zum Verweilen vorgesehen ist.

Zwar ist das Gebäude wirklich sehr hübsch anzusehen und bietet es eine perfekte Kulisse, doch so richtig aufhalten möchte man sich dort nicht.

Selbst das WiFi hat nicht funktioniert.

Ausstellung zu Ehren des Präsidenten im Heydar Aliev Center Baku

Ausstellung zu Ehren des Präsidenten im Heydar Aliev Center Baku

Hier sehen wir nun im Gegensatz den Nachfolger der antiken Agora, die neue Agora in Athen, das Stavros Niarchos Foundation Cultural Center. Das Gebäude wurde uns von unserem Kumpel Dion empfohlen, er nannte es Nationalbibliothek mit super WiFi, er arbeite dort gerne. Seinen Namen konnte ich mir schnell merken, so ist er doch leicht vom Namen des Gottes Dionysos abzuleiten, welcher  Wein und Fruchtbarkeit repräsentiert. Ganz nebenbei war er auch für die ersten Festivals im klassischen Hellada verantwortlich und ist damit Wegbereiter für das heutige Kulturzentrum.

Ich stellte mir den Ort trotzdem relativ langweilig vor, bisschen wie die riesige Bibliothek in Stuttgart am Königsplatz, so packte ich meine Tochter am Arm und machte mich auf den Weg, zum Hotspot.

Erstmal landeten wir auf auf dem Dach, da Mathilda die riesige Treppe neben dem Haupteingang viel spannender fand und ich ihr einfach gefolgt bin. Oben angekommen erwartete uns ein belebter Ort mit dem angepriesenen Wifi. Zwischen wohlriechenden Thymiansträuchern und knorrigen Olivenbäumen schnappte ich mir einen der frei verfügbaren Stühle und machte es mir im Schatten bequem. Während Mathilda auf dem Kopf stehend der Yoga-Gruppe folgte, nutzte ich die Gelegenheit und arbeitete am Laptop in dieser Urlaubsatmosphäre.

Als es dunkler wurde schnappten wir uns im Café was zu knabbern und machten es uns auf einem der Sofas bequem. In unserem temporären Wohnzimmer genossen wir die Kühle der Klimaanlage.

Von da an besuchten wir den Ort regelmäßig, es stellte sich heraus, dass der Dachpark noch weitaus größer ist und eine gelungene Komposition aus Sport-, Spiel- und Entspannungsangebot bietet. An manchen Abenden haben wir schon den Klängen einer Live-Band auf dem Dach gelauscht, während sich vor uns die Sonne am Meereshorizont verabschiedete.

Der Park des Stavros Niarchos Cultural Center in Athen

Ein Fazit

Auch wenn es heutige post-sowjetische Länder nicht unbedingt leicht haben einen Stil zu definieren, so gibt sich Aserbaidschan hier richtig viel Mühe. Gekonnt engagiert sich die Stadt Baku weltweit bekannte Architekturbüros und baut mit den Lorbeeren des Ölbooms einen Hammer nach dem Anderen. So auch das Heydar Aliyev Merkezi 2012.

Mag es zwar architektonisch echt schick sein und als Fotokulisse gut dienen, so sehe ich dieses Zentrum nicht als kulturell gewinnbringend, da es spätestens dann die Türen verschließt, wenn dein Kleingeld für die Tickets nicht ausreicht.

Das Land ist zwar ein Wendegewinner, doch darf es sich meiner Meinung nach nicht darauf ausruhen und ein Kulturzentrum zu einem Sportwagen verkommen zu lassen.

 

Auch wenn die Bücherei im SNFCC noch nicht offiziell geöffnet war, so strömtem doch schon Menschen von überall hierher um Teil dieses Ortes zu sein. Ob Rockmusik oder klassisches Konzert, auf dem Dach und den zwei Opernsälen ist den Veranstaltern so ziemlich alles erlaubt.

Tagsüber tümmeln sich unzählige Menschen an, auf und in dem Gebäude.

Da die Arbeit am Computer etwas länger dauerte, stellte ich fest:

Der meiste Andrang findet zwischen 10 und 22 Uhr statt. Zu den übrigen 4 Stunden findet man leichter einen Platz und hat noch schnelleres Internet. Das hat mir aber auch schon Dion direkt empfohlen, der alte Schlaumeier.

 

Das Kulturzentrum in Athen hat mich sehr inspiriert und ich habe mich sehr gerne dort aufgehalten. Ob zum Surfen, Fußball spielen oder einfach nur zum Staunen.

Deshalb habe ich einiges vom Aliev Zentrum erwartet, außer der perfekten Inszenierung des Designs, konnte mich Baku nicht so überzeugen wie die neue Agora in Athen.

See in Jermuk, Herbstidylle, Herbst, Armenien, Dschermuk

Verfasst von Waldemar,

12. Dezember 2018

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