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Schulpflicht verletzen

Als ich mir früher das Mittagsprogramm im Fernsehen angeschaut habe, war ich schockiert:

Eine Mutter schickt ihr Kind nicht zur Schule, plakativ wird an der Wohnungstür geklopft, sie öffnet. Durch einen Spalt lässt sich eine verwahrloste Wohnung erahnen. Die Dame blickt mit zerzausten Haaren in die Kamera und erwidert mit rauchiger Stimme:

„Emil braucht nicht zur Schule, er hat hier alles was er braucht!“

Von da an war mir klar: Jedes Kind muss zur Schule!

Schulpflicht in Deutschland

Jeder hat das Recht auf Bildung! Und das soll auch so bleiben.

Zu einer Zeit der Missstände Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in der Weimarer Republik entschieden, deutschlandweit Kinder effektiv vor Arbeit zu schützen. So beschloss die Legislative 1919 eine allgemeine Schulpflicht einzuführen. An dieser hat sich auch nicht viel geändert, wäre ja auch zu schön, wenn jedermann sein Kind arbeiten oder sogar verwahrlosen lassen kann.

Ein Kind soll zur Schule gehen und es soll lernen im Gesellschaftsgefüge zu handeln, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und natürlich auch Grundlagen über Natur, Geschichte und Wissenschaften erlernen.

In Deutschland ist Schule Ländersache, so auch die Schulpflicht, wir behandeln hier unsere Situation und wie wir in Baden-Württemberg handeln mussten.

Für genauere Infos zur Schulpflicht allgemein gibt es einen objektiven Wikipedia-Eintrag.

Die Realität

„Guten Tag, hier ist der Papa von Mathilda, ich wollte mit Ihnen wegen der Einschulung sprechen. Wir haben eine längere Reise geplant während welcher wir Kulturen...“

„Rufen Sie beim Amtsleiter in Konstanz an.“

 

Total motiviert habe ich endlich die Schuldirektorin ans Telefon bekommen und wollte ihr von unserer supertollen Idee erzählen. Ähm, nö. Im Internet kursieren viele Infos. Vor allem ist ja das Beste im Internet: Ich passe meine Suche meinen Wünschen an. So finde ich statt demotivierender Infos, mit den richtigen Keywords genau das was ich brauche.

So habe ich nach "Kind von Schule befreien Weltreise" und "Gute Gründe zur Befreiung vom Unterricht" gesucht und natürlich einfach negative Posts gekonnt ausgeklammert.

 

Eigentlich ist das ja Schulsache, schreiben die Leute, die Direktorin kann das entscheiden, schreiben die Leute, der Amtsleiter hat dabei gar nichts zu melden, schreiben die Leute. Bei dem ein oder anderen hat es ja auch schon geklappt, diese hatten bestimmt auch motivierte Pädagogen und Befürworter im Boot. Ja, Leute die sich für eine bessere Welt einsetzen und Individualität stärken möchten und die Grenzen unserer Welt schon für Kinder kleiner machen wollen. Solche Leute sind in Baden-Württemberg leider schwerer zu finden, als wir es aus Brandenburg gewohnt waren.

 

Es ist nicht möglich einfach so, gegen eine solche Entscheidung zu klagen, diese ist gesetzlich nicht zu untermauern und so wird es auch für einen Anwalt schwierig, da dieser sich nicht auf einen Paragraphen stützen kann um die Schulpflicht außer Kraft zu setzen. Zumindest nicht einfach nur zum Reisen. Hierfür müsste man die "Verordnung des Kultusministeriums über die Pflicht zur Teilnahme am Unterricht und an den sonstigen Schulveranstaltungen (Schulbesuchsverordnung) Vom 21. März 1982" direkt in Frage stellen und sich für eine Änderung dieser Verordnung einsetzen. 

 

Der praktische Tipp zur Schulpflicht: Die Abmeldung

 Nun musste ich also direkt mit dem Amtsleiter reden, die Direktorin wollte sich fein raushalten. Es war ihr von Anfang an nicht geheuer. Ich muss auch dazu sagen, Mathilda war bis dato nur im Kindergarten.

Dem Amtsleiter unseres Schulbezirkes habe ich meine Idee super verkaufen können. Er hat es befürwortet und zugegeben, dass reisende Familien immer häufiger werden, es sei super für das Kind neue Kulturen, Sprachen und Eindrück kennenzulernen. Engen Kontakt zu den Eltern zu haben.

Direkt hat er mir empfohlen, mich aus Deutschland abzumelden. Dann hat die Schule kein Stress, er hat kein Stress und wir können machen was wir wollen. Machen was wir wollen?!

Dies habe ich direkt in Frage gestellt, ich würde doch gerne mit der Schule in Kontakt bleiben. Ich könnte ja einmal im Monat mit der Klassenlehrerin von Mathilda sprechen, Infos zum Schulstoff bekommen, Arbeitsblätter per Mail erhalten, einfach die erste Klasse im Überblick haben und dies meinem Kind näher bringen. Habe mich somit für eine Beurlaubung ausgesprochen, es sei doch Verantwortungslos, dass ich durch eine Abmeldung mit meinem Kind machen kann, was ich will.

 

Eine Abmeldung hatten wir zu Beginn unserer Reise nicht in Erwägung gezogen. Dies war uns zu ultimativ und wir wussten auch nicht wirklich, wie lange wir unterwegs sein wollen.

Wie das mit der Abmeldung so abläuft und was das bedeutet, kannst du hier nachlesen: wireless life

 

So hat der Herr Amtsleiter nun auch noch die Rechtsabteilung seiner Institution angehauen und nach einem weiteren Telefonat mit mir, in welchem er sehr kurz angebunden war, klipp und klar gesagt:

„Sie müssen ihre Tochter aus Deutschland abmelden um die Schulpflicht nicht zu verletzen. Eine Beurlaubung ist derzeit nicht möglich. Verletzen Sie die Schulpflicht, drohen Ihnen erhebliche Geldstrafen. Guten Tag.“

Fazit - leider kontrovers

Wer reisen möchte, soll dies tun. Wer sein Kind mitnehmen will, soll dies auch tun. Sich von Gesetzen die zur Industrialisierung verfasst worden sind abhalten zu lassen ist altmodisch.

Will jemand sein Kind zur Arbeit zwingen, den Kontakt zur Außenwelt verwehren und es in Deutschland ungebildet heranwachsen lassen, der muss effektiv daran gehindert werden.

 

Eine enge Zusammenarbeit zwischen der Behörde und den Eltern sehe ich hier für elementar. Jedoch ist das Jugendamt überfordert, die Schulleitung ist überfordert und dann auch noch die ganzen armen Lehrer. Leider ist eine individuelle Bearbeitung für alle Eltern und Kinder schwer vorstellbar.

Somit ist die Idee, dass ein Kind einfach zur Schule muss, absolut gerechtfertigt.

Dass eine Reise für ein Kind und die ganze Familie sehr förderlich sein kann, steht auch fest.

 

Leider wurde uns hier die Hilfe verwehrt und die Reise wurde damit nicht als wichtiger Grund für eine Befreiung vom Schulunterricht nach Landesrecht BW §4 Absatz 3 Punkt 9 SchulBesV anerkannt, geschweige denn in Erwägung gezogen.

 

Ist ja nicht so schlimm: Es folgt die Abmeldung von unserem Kind aus Deutschland.

Jetzt können wir mit ihr machen was wir wollen. Toll.

 

 

 

 

  

 

Verfasst von Waldemar,

12. August 2018

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