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Belgrad im Winter 2018 - Eine Kurzgeschichte

Waldemar in Athen auf dem Lofos Strefi

Das Reisen durch Länder die sich vor 100 Jahren der Union der sowjetisch sozialistischen Republik angeschloßen haben, faszinieren uns mit ihrem ganz eigenen Charme. Die brutale Architektur und die  Menschen bieten ehrliche Eindrücke in diese Zeit, welche sich nicht einfach ausradieren lässt. So widme ich diese Geschichte einer beeindruckenden Persönlichkeit, welche sich liebevoll um uns gekümmert hat, während wir die pulsierende Stadt mit aufgerissenen Mündern entdecken konnten.

Meine Routine

Fertig. Da kommt der Nächste. Mit einem kurzen Nicken betrete ich die Wanne. Ich spritze ab. Von Oben nach unten. Ordentlich. Zuerst grob, einmal drum rum.

Dann nehme ich die Bürste. Eine Schaumkrone erhellt das Fahrzeug. Alles Weiß.

Einen Augenblick später habe ich wieder die Düse in der Hand. Ein bisschen wie die Kalaschnikow, die ich mal hatte. Statt Feuer nun Wasser. Das ist gut so.

Ich spritze wieder ordentlich ab, diesmal genauer, jede Ritze muss glänzen. Auch unterhalb sammelt sich so einiges an. Alles was nicht niet und nagelfest ist, muss ab.

Ja. So lässt sich das sehen. Schnell die Bürste zurück und zum Terminal. Einen trockenen Lappen holen. Zuerst oben abreiben und dann das Glas. Schnell. Gekonnt wandere ich weiter zur Front, nach hinten, nach unten. Nochmal ein trockenes Tuch und den letzten Tropfen entfernen.

Jetzt nochmal schnell zum Terminal, den Weichmacher und den Pinsel brauche ich. Ich schmiere das Gummi ein. Zack. Und fertig.

Ja, so muss das. Ich erhasche einen Blick zum Kunden, am Rand bewegen sich die Lippen leicht nach oben. Perfekt. Ich schaue ihm kurz in die Augen, Nicke.

Sein Auftreten ist ordentlich, genauso wie sein Anzug. Er kommt wieder.

Fertig. Ich Setze mich kurz. Da kommt der Nächste.

 

Oh, komischer Bus.

Ich weise ihn ein, keine Sorge, er passt locker rein. Er will seine Karre selber abspritzen. Kein Problem. 

Oje, was macht er denn da? Ich nehme die Düse in die Hand. Ich spritze ab. Von oben nach unten. Ordentlich. Dann schäume ich ein.

Was? Das Holz nicht, für was hat der da Holz, egal. Dann halt nicht. Ich schäume ein, von oben nach unten. Ordentlich.

Ich erkenne das Kennzeichen. Ach, der ist ja gar nicht von hier. Egal.

Ich nehme die Düse in die Hand, ich spritze ab. Von oben nach unten. Ordentlich.

Oh, ist die süß. Ich übe mich auf meinem Englisch. Mathilda? Oh wie süß. Warte!

Die waren doch hier irgendwo. Mist. Ich krame schnell in meinen Sachen. Die waren doch hier irgendwie. Aja. "Forr you". Sie lacht. Wie süß!

Der Campingplatz nebenan hat zu? Der ist eh doof. Verlangt zu viel. Bleibt einfach hier, da hinten in der Ecke. Ich pass auf euch auf. Am Rand bewegen sich die Lippen leicht nach oben. Perfekt. Fertig. Da kommt der Nächste.

 

Sie hat doch bestimmt Durst, ich klopfe, ich klopfe, die Tür öffnet sich, oh nett. Hier, nimm. Ich drücke ihr bisschen Saft in die Hand. Ob sie Belgrad schon gesehen haben? Ich kenne die ganze Stadt. Ich zeig sie Ihnen. Ich komme gleich wieder!

Ich fahre geschwind nach Hause, ich kann ja nicht in meinem Camouflage-Ganzkörperanzug durch die Stadt fahren. Der ist dreckig!

Ich stehe wieder an der Tür, ordentlch, ich klopfe. "Allo? Paschli!" Die kucken nur blöd?! Die sollten schon längst fertig sein. Ich habs eilig. Ich muss schlafen. Ohh man. Okok, 5 Minuten. Boohh wo bleiben die. Da kommt der nächste Kunde. Ein Reflex zerrt mich nach oben. Ich schaue an mir herab. Nein. Ich betrache meinen weißen Anzug. Jetzt habe ich frei.

 

Da kommen die ja endlich. Ich öffne höflich die Türen, so macht man das bei Gästen. Ohh ist die süß. Mathilllda. Oh. Los setzt euch, erstmal Pizza holen, die Beste der Stadt. Ich geb Gas. Ich kenn die Stadt. So das ist die Kirche. Hier ist die Pizza. Die beste der Stadt! Wie kein Ketchup? Nichtmal Mayo? Wie essen die denn Pizza? Foto? Klar. Die ham doch keine Ahnung. Egal. Mathilda scheint es nicht zu schmecken, scheisse. Ok. Was kann dem süßen Kind wohl schmecken? Schnell, weiter gehts, die müssen noch die Fontäne sehn, die kann singen! Warum singen die denn nicht. Ich fahre noch ein Kreis. Kommt schon, singt. Naja, noch ein Kreis, die fangen sicher gleich an. Schaut aus dem Fenster. Aussteigen lohnt sich nicht. Oh nein, die singen immer noch nicht. "You hear?" Endlich! Sie singen. Hammer, nicht?

Ich fahre weiter. Zur Kirche. Stop! Aussteigen bitte. Die ist echt schön und wichtig und so. Öffne die Türen. So. Na? Klar machen wir ein Foto! Mathilda? Komm, schnell. Wie lang braucht der denn um ein Foto zu machen? Fertig? Ok, und wie wars? Los kommt ins Auto. "Mathilda? Ice?? McDonalds?" "Yes!" Das wird sie freuen, bestimmt. Ich geb gas, ich kenne die Stadt. "Tschitiri Marojina", bestelle ich am Schalter. "Pippi?" Ich drücke Mathilda das Eis in die Hand, sie soll bei mir sitzen. Ich mache auf dem Handy Pippi Langstrumpf an. Ihr schmeckt das Eis. Sie mag die Serie. Oh ist die süß. Ihr macht das richtig Spaß. Ich rufe schnell meiner Freundin an, die soll sie sehen. Oh ist die süß. Vielleicht sollte ich auch ein Kind haben. Ne, keine Zeit. Ich muss morgen wieder arbeiten. 12 Stunden. Jeden Tag. Naja, immerhin bin ich der Beste in der Stadt. Oh ist die süß. Am Rand bewegen sich die Lippen leicht nach oben. Perfekt. Fertig. Ich muss ins Bett.

 

Verfasst von Waldemar,

im Dezember 2018

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